Portrait von Lisa Steffny auf dem Fussballplatz der FV Preussen Bonn

Von 24/7 Fußball zum absoluten „Fußball-Detox“ in nur einer Woche: Wie ein Virus meine Liebe zum Fußball rettete

„Fußball ist mein Leben“ ist für unsere Autorin Lisa mehr als nur eine Floskel. Doch was als große Leidenschaft begann, war am Ende nicht mehr viel mehr als ein kleiner Funke kurz vorm Verglühen. Doch das Ausbrechen des Covid-19 Virus brachte einen kalten Entzug mit sich und war – wie sich herausstellte – genau das Richtige für sie.

Das zweite Märzwochenende sollte ein ganz besonderes für mich werden: Nicht nur, dass für die von mir trainierte D-Jugend die heiße Phase um die Meisterschaft losgehen sollte und die Mannschaft, in der ich selbst spiele, endlich in die Rückrunde gestartet wäre – im Westfalenstadion sollte ich außerdem eine von über 80.000 Fans sein, die das seit Wochen ausverkaufte Spiel zwischen Dortmund und Schalke hätte miterleben dürfen. Diese Sätze sind allerdings nicht umsonst im Konjunktiv formuliert. Wie vielen anderen zerstörte auch mir Covid19 meine Pläne. Stattdessen hatte ich so viel freie Zeit wie schon lange nicht mehr. Es war paradox: Was mir anfangs Angst machte, half mir letztlich, endlich den Fußball wieder zu lieben.

Vor Corona hatte ich – das muss man wohl so sagen – das Leben eines echten Fußball-Workaholics. In meinen extremsten Wochen sah ein typischer Tagesablauf wie folgt aus: Tagsüber trainierte ich Kinder in einem Fußballcamp. Abends ging es dann entweder weiter zu meinem eigenen Training als Spielerin oder aber zu meiner Jugendmannschaft. An manchen Tagen sogar zu beidem. Nebenbei studierte ich zudem noch Sport, las Sportartikel, schaute Sportübertragungen, bereitete meine Sporteinheiten vor… Alles drehte sich nur noch um Sport, Sport, Sport, insgesamt fast 50 Stunden pro Woche. Nur für ein Hobby! Verrückt, nicht wahr?

Corona wirbelte mein Leben also ganz schön durcheinander. Mein Praktikum im Fußball? Abgesagt. Meine Trainertätigkeit? Erstmal auf Eis gelegt. Mein eigenes Training? Nicht mehr erlaubt. Und Fußball schauen? Nur noch die Wiederholungen. Ich war mir sicher, dass mir der Fußball unglaublich fehlen würde. Dass ich die Struktur meiner Tage vermissen würde. Und dass mir auf jeden Fall wahnsinnig langweilig sein würde. Ich war es die vorherigen Monate so gewöhnt, immer eine volle To-Do Liste zu haben, dass mich die Aussicht, mich die folgenden Wochen nur mit mir zu beschäftigen, etwas beunruhigte. Zu sehr definierte ich mich und mein Leben – auch in Hinblick auf meine Zukunftsplanung – über den Fußball.

Durch die Corona Krise wurde ich zu genau dem kalten Entzug gezwungen, den ich dringend gebraucht habe – sowohl als Fan als auch als Spielerin und Trainerin.

Als ich eines Abends während der Corona-Krise ziellos durchs Internet streunerte, stieß ich auf einen Beitrag zum Thema „FOMO“. Ich hatte den Begriff vorher noch nie gehört (eigentlich verwunderlich), doch er erregte irgendwie meine Aufmerksamkeit. Ich erfuhr, dass „FOMO“ („Fear Of Missing Out“) die Angst beschreibt, etwas verpassen zu können. Getriggert wird diese Angst vor allem durch die Social-Media-Kanäle. Der alte Schulkamerad, der gerade einen erstklassigen Job angenommen hat. Die Freunde, die sich eine Yacht für ein Wochenende gemietet haben. Die flüchtige Bekannte, die gerade den Mount Everest besteigt. Betroffene beginnen sich mit anderen zu vergleichen, führen gar einen imaginären Wettstreit mit ihnen, wer ein besseres Leben hat. Doch statt Erfüllung im Moment zu finden, bedeutet dies meist schlichtweg Druck. Da ich zwar ab und zu mal etwas bei Social Media poste, aber es nicht exzessiv nutze und auch lieber mal einen Urlaub daheim auf dem Land als in Südamerika verbringe, fühlte ich mich nicht wirklich angesprochen und schloss den Beitrag wieder.

Doch während sich die Tage und Wochen so hinzogen, bekam ich „FOMO“ nicht aus meinem Kopf. War ich vielleicht doch betroffen? Wenn ich genauer darüber nachdachte, fand ich Hinweise auf mehreren Ebenen meines Lebens. Klar, zum einen wollte ich natürlich meine ehemaligen Mitschüler*innen beeindrucken und zeigen, was das schüchterne Mädchen von damals alles auf den Kasten hat, doch es war auch mehr. Ich wollte es meinem Opa beweisen, der nach wie vor nicht versteht, wieso ein langes Studium sinnvoller ist als schon mit 16 zu arbeiten. Ich wollte der Gesellschaft zeigen, dass auch Frauen Ahnung vom Fußball haben können. Und mich selbst wollte ich aus der Komfortzone zwingen, um endlich herauszufinden, ob ich auch in einer höheren Liga bestehen könnte. Ich realisierte: „FOMO“ beschränkt sich nicht auf Instagram-Influencer*innen, neidische Fans und Nachahmer. Tatsächlich braucht der Selbstoptimierungsdruck gar keinen digitalen Raum, um sich zu entfalten. Auch im Analogen lautet das Motto: Höher, schneller, weiter. Gesellschaftliches Engagement: Ein Muss. Jedes Wochenende etwas unternehmen: Auf jeden Fall. Lesen als Hobby: Naja, da sollte es schon etwas spektakulärer sein. Selbst wer ein unbezahltes Praktikum absolvieren will, braucht mittlerweile schon mehrjährige Berufserfahrung. Und als junger Mensch Anfang 20 möchte man da manchmal vor allem eins: Schreien!

Es ist aber nicht nur der mal mehr mal weniger abstrakte gesellschaftliche Druck, der einen in diesen Teufelskreis drängt. Gerade beim Fußball gibt es einen ganz konkreten Grund, warum es so schwerfällt, sich aus einer toxischen Beziehung zu lösen. Dieser Grund heißt Loyalität. Das kennen zum Beispiel die Fußballspieler*innen, die trotz Umzug, Studium, Familie und/oder Vollzeitjob schon mal ein paar 100 Kilometer pendeln, um weiter bei den Spielen dabei sein zu können. Der Fußball ist für viele mehr als ein Hobby, sondern eine Mischung aus Ersatzfamilie und Realitätsflucht, egal ob jemand als Spieler*in, im Ehrenamt oder als Fan aktiv ist. Sich vom Fußball abzuwenden – und sei es nur für ein Wochenende – erzeugt das Gefühl, sein Team zu enttäuschen. Ob eingebildet oder real, ist dabei egal.

Foto: Maximilian von Lachner
Foto: Maximilian von Lachner

Dass mir das ganze allerdings keinen großen Spaß mehr machte, spürte ich die letzten Monate immer stärker – und doch war ich nicht bereit, mir das einzugestehen. Hinweise, dass es so nicht weitergehen konnte, gab es genug: Immer öfter ertappte ich mich dabei, schon einen kleinen Schnupfen oder ein Wehwehchen als Ausrede zu benutzen, das Training sausen zu lassen. Sagte ich ab, hatte ich Schuldgefühle. Ging ich zum Training, machte mich das auch nicht glücklich. Meine Leistung nahm genauso ab wie mein Enthusiasmus. Es fiel mir immer schwerer, mein Team zu motivieren und die Trainingseinheiten gut vorzubereiten. Und wo ich früher No-Look-Pässe problemlos an den Mann (bzw. die Frau) brachte, strauchelte ich auf einmal schon bei den einfachsten drei Meter Pässen….

Nicht erst seit Corona, aber dadurch verstärkt, entwickelte sich eine Gegenbewegung zu „FOMO“: „JOMO“, The Joy Of Missing Out. Während meiner Quarantäne entdeckte ich diese Lust am Nichtdabeisein auch so langsam für mich. Statt mich wie befürchtet zu langweilen, war genau das Gegenteil der Fall: Ich lernte, wie wichtig es ist, seine freie Zeit auch einfach mal genau das sein zu lassen: Freie Zeit. Das hieß: Meine Termine nicht mehr minutiös aufeinander abzustimmen und nicht den Großteil meiner Freizeit in Autos oder öffentlichen Verkehrsmitteln verbringen zu müssen. Letztlich: Damit aufzuhören, pausenlos „zu funktionieren“. Stattdessen konnte ich Sport machen, wann ich wollte – oder es eben sein lassen. Ich verbrachte einfach mal einen Nachmittag auf der Couch – und wenn es mir danach war, den Abend gleich obendrauf. Natürlich, bis ich soweit war, dauerte es ein paar Tage (oder eher Wochen). Zu präsent waren die Werbeanzeigen zur Selbstoptimierung. Ein Sprachkurs hier, ein Onlinekurs da. Und die Gitarre, die seit Jahren ignoriert wurde, könnte ja auch nochmal entstaubt werden. Selbst in einer Zeit, in der Zuhausebleiben die beste, wenn nicht gar einzige Option war, wurde ich lange das Gefühl nicht los, dass es verwerflich sei, nur auf der Couch zu liegen. Dass ich dennoch meine Aktivitäten Stück für Stück zurückschraubte, geschah ehrlich gesagt eher unbewusst als bewusst. Ich hörte auf, mir morgens einen Wecker zu stellen. Ich nahm nicht jedes Onlinetreffen wahr, sei es nun das virtuelle Pubquiz oder die Sporteinheit. Und ich begann, mehr auf mich und meinen Körper zu hören. Wenn ich Probleme hatte, mich zu konzentrieren, machte ich eine Pause. Wenn ich mich unausgeglichen fühlte, ging ich joggen. Und wenn ich keine Motivation hatte, überlegte ich zweimal, ob ich nur einen kleinen Schubs brauchte – oder lieber etwas ganz anderes machte. Am Ende bedeutete all das für mich: Trotz der Pandemie und den damit verbundenen Einschränkungen fühlte ich mich so frei wie schon lange nicht mehr.

Foto: Maximilian von Lachner
Zurück auf dem Platz: Lisa Steffny - Foto: Maximilian von Lachner

Durch die Corona Krise wurde ich zu genau dem kalten Entzug gezwungen, den ich dringend gebraucht habe – sowohl als Fan als auch als Spielerin und Trainerin. Innerlich wusste ich schon länger, dass ich dringend eine Pause brauche. Doch bis ich mir das wirklich eingestanden hätte, wäre vermutlich noch eine lange Zeit vergangen, die weder mir noch dem Sport gutgetan hätte. Als Marcel Jansen vor einigen Jahren mit 29 Jahren unverletzt seine Fußballschuhe an den Nagel hing, warf Rudi Völler ihm vor „den Fußball nie geliebt zu haben“. Jansen antwortete damals: „Ich liebe den Fußball, ich werde ihn immer lieben“, aber man dürfe Spielern nicht dazu raten, „irgendwas zu machen, von dem sie nicht überzeugt sind.“ Wie wahr das ist, wurde mir erst jetzt so richtig bewusst.

Am 3. Juni schließlich – drei fußballfreie Monate waren bereits vergangen – setzte ich meine ersten Schritte auf den Fußballplatz. Der weiche Kunstrasen unter meinen Füßen fühlte sich so viel besser an als der Asphalt all die Wochen zuvor beim Joggen. In dem Moment war ich einfach nur glücklich. Glücklich darüber, dass es sich endlich wieder gut anfühlte. Und hoffnungsvoll, dass meine Beziehung zum Fußball vielleicht wirklich nur eine Pause und keinen Schlussstrich benötigt hatte. Als ich dann nach so langer Zeit wieder ein Tor schoss, war es fast wieder wie früher. Ich fand wieder ein kleines bisschen mehr zu mir.

Beitragsfoto: Portrait von Lisa Steffny auf dem Fußballplatz der FV Preußen Bonn – Foto: Maximilian von Lachner

Lisa Steffny
Lisa Steffny
redakteur22@wirklichwahr.org

Lisa Steffney war Teil der wirklich\\wahr-Redaktion "\\digital" im Herbst 2019 & "\\corona" im Frühjahr / Sommer 2020.

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