Karte mit Handy

Ausstieg eines Getriebenen

Unser Autor verbringt zu große Zeitspannen am Smartphone. Dann hört er von „Digital Detox“, Entgiftung von der digitalen Welt. Ein Kurzurlaub im Selbstversuch.

Gate D23. Flughafen Frankfurt. Vier Tage bis ich aus Spanien zurück bin. Solange will ich ohne Handy auskommen und herausfinden, ob es wirklich so unverzichtbar ist, wie ich immer denke. Und welche Folgen die Illusion hat, immer überall dabei sein zu können.

Ich hätte mich dafür auf eine Berghütte in den Alpen zurückziehen oder ein paar Tage auf einer einsamen Insel in der Nordsee verbringen können. Aber so lebt niemand im Alltag. Und mein „Everyday-Life“ jedermann preiszugeben, nur wegen eines journalistischen Selbstversuchs, das wollte ich nun auch nicht. Deshalb habe ich mein Digital-Detox-Projekt mit einer spontanen Kurzreise verbunden. Nach Barcelona. Um meinem besten Freund „Auf Wiedersehen“ zu sagen, bevor er nach Lateinamerika segelt. Er ist getrieben von dem Gefühl, dass es nach seinem IT-Bachelor mehr geben muss als den Büroalltag. Mich treibt die Neugier, die Welt einmal völlig ohne Smartphone-Display zu erleben.

15:30 Uhr. Ich schalte mein Smartphone aus. Eben habe ich noch per Facebook-Messenger abgeklärt, wo und wann wir uns treffen. Am Placa d’Espanya, 20 Uhr. Nun ist der Bildschirm schwarz. Erstmal weiß ich nicht so richtig, wohin mit mir. Das Gate ist noch nicht offen. Ich sitze nutzlos herum. Ich könnte meine Mails checken, WhatsApp-Nachrichten verschicken oder die Sehenswürdigkeiten in Barcelona googeln. Mit Smartphone.

Stattdessen sehe ich: Das gehässige Lachen eines mittelalten Mannes als einer Frau etwas – ich glaube, der Pass – auf den Boden fällt. Sein Grinsen als er sich dem Kleinkind eines Fluggastes zuwendet.

16:15 Uhr. Das Boarding beginnt. In der Durchgangsbrücke bleibt eine Frau vor der Abfluganzeige stehen. Sie fotografiert mit ihrem Smartphone das Display. Für den Facebook-Status? Für eine WhatsApp-Nachricht an den Partner? Selbst etwas so Banales wie eine Abfluganzeige scheint in der Social Media-Welt teilenswert. Seht her, Leute! Ich bin auf dem Weg nach Barcelona! Mein Leben ist schön und aufregend! Ich bin Kosmopolit!

16:45 Uhr. Ich sitze im Flieger. Rechts von mir starrt ein etwa dreißigjähriger Mann auf sein Smartphone. Ab und zu schaut er aus dem Fenster, auf die zum Miniaturmodell geschrumpfte Welt. Wie klein man doch ist. Wie klein der Raum ist, in dem wir leben. Und wie gigantisch groß die Struktur, die alles vernetzt. Das Internet. Länder, Städte, Dörfer und Zimmer, alles scheint erreichbar. Egal, wie weit. Vielleicht ist es auch deswegen so verlockend, an Smartphones zu kleben wie Fliegen an einem Duftstreifen. Nur: Je länger man dranklebt, desto schlechter kommt man wieder weg.

19:00 Uhr. Wir kommen Barcelonas Lichtern näher. Ein Teppich aus Leuchtfeuern am Rand des Mittelmeers. Ölsilos, Seat-Werkshallen, schließlich das Rollfeld. Ruckeln. Bitte Warten mit dem Ausstieg. Handybildschirme leuchten.

Hätte ich mich nicht zum Handyentzug verpflichtet, ich würde mich ähnlich verhalten. Ich bin genauso unfähig geworden, die kürzeste Wartezeit zu ertragen. Wir Menschen betäuben unsere freien Minuten geradezu medial. Mit Chats, Videos und Spielen. Es gilt: Hauptsache Leerlauf vermeiden. Vielleicht, weil wir Angst haben, uns mit uns selbst und unserer Umwelt beschäftigen zu müssen. Weil wir bemerken würden, dass das Leben in der realen Gegenwart wichtiger ist als die digitale Parallelwelt.

Die Sonne ist längst untergegangen am Placa d’Espanya. Hier will ich meinen Freund treffen, den Hobby-Segler. Er weiß von meinem Selbstversuch. „Schon sehr unpraktisch“, wenn das mit dem Telefon auch nicht ginge, kommentierte er vor Beginn meiner Reise. Also einigten wir uns darauf, dass Telefonieren im Notfall erlaubt ist. Sicherlich, die Regeltreue meines Selbstversuchs scheint ein wenig verrückt. Aber nicht so verrückt, wie mit einem Boot voller Fremder über den Atlantik zu segeln.

20 Uhr. Ich laufe im Kreis. Zugegeben: Der Platz ist nicht der beste Treffpunkt, zu viele Menschen. Zehn Minuten später finden wir uns doch. Wir zwängen uns durch eine Menschenmenge von Cosplay-Darstellern zu einer Lichtershow an einem großen Brunnen. Scheinwerfer tauchen ein Ensemble aus Fontänen in wechselnde Farben.

Apps sind wie Pillen. Leicht einzuwerfen, und die Wirkung kommt schnell.

Am nächsten Morgen verlassen wir das Hostel. Das Ritual, den ersten Blick des Tages auf das Handy zu richten, habe ich dieses Mal weggelassen. Ich bin voll angekommen im analogen Leben. Und das fühlt sich gar nicht mal so schlecht an. Es ist verrückt, wie viel mehr ich wahrnehme. Zum Beispiel, wie viele Deutsche in der Hauptstadt Kataloniens unterwegs sind. Eine von ihnen ist Julia*, ich habe sie im Hostel kennengelernt. Eine Lebenskünstlerin aus der Nähe von Koblenz, die schon seit Jahren um die Welt reist und sich von Nebenjob zu Nebenjob hangelt.

Es scheint, als wäre unsere größte Angst in der heutigen Zeit, ein 0815-Leben zu führen. Und die Digitalisierung trägt ihren Teil dazu bei. Auf Instagram, Facebook und anderen sogenannten Sozialen Medien werden wir bombardiert mit Bildern der Selbstdarstellung, die uns zeigen sollen, wie schön und aufregend das Leben der anderen ist.

Und wir wollen mithalten. Ich ertappe mich des Öfteren dabei, wie ich Posts und Profile durchscrolle und mir die Frage zu stellen, was die anderen wohl besser machen, um so ein Leben zu führen. Sie präsentieren ihren Alltag leichtfüßig, spannend und weltbürgerlich. Die Wahrheit ist wohl: Alles nur Fake. Selbstdarstellung. Zweifel, Fehler und Scheitern werden nicht „geliked“ – und deswegen nicht „geshared“.

Um sich in einer Stadt von der Größe Barcelonas zurechtzufinden, braucht man im Grunde kein Handy. Alles ist ausgeschildert oder mit Plänen auffindbar. Normalerweise würde ich trotzdem Google Maps nutzen. Diesmal nicht. Trotzdem klappt alles problemlos. In der Sagrada Família, dem bis heute nicht fertiggestellten Gotteshaus des Künstlers Antoni Gaudíi, nehmen wir an einer Messe teil. Von dort geht es weiter zur Festung Montjuïc, mit Blick auf die Stadt und das Meer.

Nachmittag. 20 Minuten zu Fuß bis zum Hafen, sagt mein Freund. Das jedenfalls flüstert Google Maps ihm zu. Hätten wir für diese Information ein Smartphone gebraucht? Wahrscheinlich nicht. Aber mein Selbstversuch bindet ja nicht ihn. Nur ich bin offline.

An der Promenade steht ein Container. Wir sehen Holzkisten, aus denen Kinderpuppen ragen. Werbung für eine neue Serie von Netflix. Ziemlich gut gemacht. Zu gut vielleicht. Schließlich ist Netflix ein weiterer Grund, warum wir so viel Zeit den Displays opfern. Auch wenn ich kein Serien-Junkie mehr bin, kann ich mich gut an meine vergangenen Serienmarathons erinnern. Eine Folge ging so schnell vorbei! Ich erlag immer wieder dem Cliffhanger. Netflix und Co. triggern uns so sehr, dass wir die Außenwelt um uns herum im Serienrausch vergessen. Im Prinzip sind Serien nichts anderes, als die Drogen des Internets. Und Netflix ist nur einer von vielen Dealern, die uns mit ihrem Stoff versorgen wollen. Würde ich mein Handy bei mir haben, hätte ich wahrscheinlich schon mindestens einmal die YouTube-App geöffnet. Nicht aus Notwendigkeit, sondern auf intuitiver Suche nach dem nächsten „Video-Kick“.

Apps sind wie Pillen. Leicht einzuwerfen, und die Wirkung kommt schnell. Wenn man mit der Metro in Barcelona unterwegs ist, liest man häufig das Hashtag „Singlenotsorry“. Plakate von Tinder. Auch Tinder ist eine digitale Pille. Die Wisch-und-weg-App hat den intimsten Bereich unseres Privatlebens digitalisiert – die Partnersuche. Wer nicht bei Tinder ist, könnte den Traumpartner verpassen. Und wer bei Tinder ist, hat eigentlich keinen Grund, sich lange mit irgendjemandem zufrieden zu geben, wenn der andere Mensch nicht wirklich hundertprozentig passt. Schließlich ist der ideale Partner nur einen Wisch entfernt.

Am Abend lerne ich beim Nudelkochen Dave* kennen. Der Kanadier arbeitet in der IT-Branche. Er erkennt sofort, dass ich Deutscher bin. Er scherzt über die vielen Deutschen in Barcelona: „They take over [Spain]“.

Weil ich kein Handy habe, komme ich häufiger mit Menschen ins Gespräch. Ohne Ablenkung ist mir so langweilig, dass ich tatsächlich mit den Leuten rede.

So auch am dritten Tag, an dem ich die Casa Milà besichtige. Ein kunstvolles Gebäude in der Innenstadt, ebenfalls von Antoni Gaudí. Statt zu googeln, erkundige ich mich bei der Museumsangestellten über die Touristenattraktion. Am Abend sitzen mein Freund, Julia und ich auf der Terrasse zusammen. Julia sucht nach einem Job und überlegt, wo es sie als Nächstes hin verschlägt. Frankreich, London oder doch ganz woanders? Es ist schön, so beisammenzusitzen und miteinander zu reden, statt sich vor allem mit seinem Smartphone zu beschäftigen. Vielleicht ist es genau das, was uns die digitale Illusion von Zusammenhalt und Netzwerken raubt: echte Gemeinschaft.

Da der Online-Check-In nicht infrage kommt, fahre ich am nächsten Morgen direkt zum Flughafen, während mein Freund noch in der Sprachschule ist. Um späteren Stress zu vermeiden, lasse ich mir die Bordkarte bereits am Schalter ausstellen. Dann zurück in die Stadt. Am Olympischen Hafen verabschieden mein Freund und ich uns. Wer weiß, wann wir uns wiedersehen? Und würde er diese verrückte Idee auch verfolgen, wenn das Internet ihn nicht dazu inspiriert hätte, mit den Storys vieler Aussteiger und Weltenbummler?

Schneller als gedacht, sitze ich wieder im Flieger. Und denke: Ich bin Teil des Systems. Des Problems. Die Digitalisierung kreiert für uns die Illusion, immer und überall vernetzt zu sein. Das Internet macht es möglich, riesige reale Distanzen mit einem Mausklick zu überwinden. Alles erscheint nah und erreichbar. Egal, wie fern ein Land oder eine Möglichkeit sein mag, die Digitalisierung wirkt wie ein übergroßer Zoom, durch den wir die Welt betrachten. Das macht uns zu Getriebenen. Wir schauen krampfhaft auf unser Handy und reisen um die Welt, um im Strom der Selbstdarstellung mithalten zu können. Dabei übersehen wir, was viel wichtiger ist: Unsere Umwelt, unsere unmittelbaren Mitmenschen und ein Leben in Ruhe und Ausgeglichenheit. Kurzum: Das Hier und Jetzt.

19:00 Flughafen Frankfurt. Mainhattan liegt im Dunkeln. Der Flieger ist bereits gelandet und ich verlasse den Flughafen in Richtung der Bahnhöfe. Ich schalte mein Handy an. Es hängt sich auf, scheint überfordert zu sein, Nachrichten und Mails der vergangenen Tage nachzuladen. Schließlich funktioniert es doch. Mein Gehirn springt auf die Nachrichten an wie auf Drogen. Ich irre mit Blick auf dem Bildschirm umher, ohne mich richtig zu orientieren. Ich bin wieder voll da, in der digitalen Welt.

Im selben Moment wird mir klar, dass ich es nicht mehr um jeden Preis sein werde.

*alle angegebenen Namen wurden geändert

Tom Albiez
Tom Albiez
redakteur34@wirklichwahr.org
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