Der Holocaust als Hologramm

Wie vermitteln wir den Holocaust, wenn die Überlebenden bald nicht mehr da sind? Eine Stiftung hat Hologramme von Zeitzeugen erstellt, mit denen man dank eines Algorithmus reden kann. Doch nicht alle sind begeistert.

Ein fahles Schimmern erleuchtet den abgedunkelten Museumssaal. Vorne ein Bildschirm, darauf ein älterer Herr in einem Sessel, gekleidet in Hemd und Weste, der Rücken gerade, seine Hände flach auf die Oberschenkel gelegt. Das Bild flackert, dann knackt der Lautsprecher. „Hallo, mein Name ist Pinchas Gutter. Ich bin Überlebender des Holocaust und freue mich auf deine Fragen.“

Pinchas Gutter ist Zeitzeuge – einer von vielen. Doch in wenigen Jahrzehnten wird die Situation anders aussehen. Wer wird dann vom Holocaust berichten? Wer wird die eigene Geschichte erzählen und die Fragen der Schüler authentisch beantworten? Diese Probleme beschäftigen Historiker und Pädagogen seit Langem. Gleichzeitig bieten sie Potential für völlig neue, innovative Ideen: eine Art Erinnerungskultur 4.0.

Teil einer solchen Idee ist auch das Hologramm von Pinchas Gutter, auf Youtube als Video zu sehen. „New Dimensions in Testimony“ heißt das Projekt der USC Shoah Foundation, das 22 virtuelle Zeitzeugengespräche umfasst. Pinchas Gutter war der erste holografische Zeitzeuge weltweit. Hinzugestoßen ist unter anderem Eva Schloss, die Stiefschwester von Anne Frank. Ihre Bilder strahlen auf transparenten Bildschirmen mit 3D-Optik bereits in einigen Museen in Nordamerika – und nun, mit dem Swedish History Museum, auch in Europa.

Wenn man dem virtuellen Pinchas Gutter eine Frage stellt, analysiert eine Spracherkennungssoftware ihren Inhalt. Ein Algorithmus wählt dann die passendste Antwort aus einem Pool von 1500 zuvor aufgenommenen Zeugnissen und spielt sie ab. So soll man das Gefühl bekommen, man könne sich mit Gutters Avatar tatsächlich unterhalten. Insgesamt existieren von Pinchas Gutter 20 Stunden Interviewmaterial, das 116 verschiedenen Kameras aufgenommen haben. Auf dem Bildschirm ist der virtuelle Gutter dadurch im 3D-Effekt zu sehen. In Zukunft könnte aus dem Material sogar ein freistehendes Hologramm entstehen.

Vor 25 Jahren hat die University of Southern California (USC) das Projekt “Visual History Archive” ins Leben gerufen. Heute umfasst das Archiv rund 55 000 audiovisuelle Zeugnisse aus Zeiten von Holocaust und Genozid. Regisseur Steven Spielberg gründete die USC Shoah Foundation, nachdem viele Holocaustüberlebende am Set seines Films „Schindlers Liste“ den Wunsch geäußert hatten, ihre Erinnerungen vor einer Kamera zu verewigen.

Die USC Shoah Foundation stellt ihre Inhalte unter anderem der Freien Universität Berlin zur Verfügung. Nicolas Apostolopoulos leitet dort das digitale Videoarchiv „Zeugen der Shoah“ und zeigt sich skeptisch: „Wir haben Zeitzeugengespräche und Zeitzeugenvideos im Unterricht verglichen. Es ist schon ein Unterschied. Die Präsenz eines Menschen, der so etwas erlebt hat, ist lebendiger, wenn er mit den Schülern interagieren kann. Er hört etwas, empfindet etwas und sagt etwas. Videos hingegen sind eben Videos.“ Hier liegt der Knackpunkt des Hologramms. Es soll ein Dialog zwischen dem Betrachter und dem virtuellen Zeitzeugen entstehen.

Das Projekt wird als revolutionäre Entwicklung in der Erinnerungskultur und historisch-politischen Bildung gefeiert wird, jedoch sehen Kritiker die Interaktivität des Formats problematisch. Zwar ermöglicht das Hologramm eine Art virtuelles Zeitzeugengespräch, am Ende wählt aber ein Computer die Antworten aus. Es bleibt die Frage: Wie hätte Pinchas Gutter spontan geantwortet?

„Ich glaube, dass der Avatar schon etwas Artifizielles ist. Ich kann mir nicht vorstellen, noch nicht, dass ein Hologramm das Gefühl, das Sentiment und das Verständnis vom Leben damals tatsächlich vermitteln kann“, sagt Apostolopoulos. Für die Jugendlichen in den Schulen sei es wichtig, das Gesicht der Überlebenden zu sehen. Zu sehen, wie die Zeitzeugen empfinden, wenn sie ihre Geschichte erzählen. Das stelle ein besonderes Vertrauen zu den Schülern her. Apostolopoulos zuckt mit den Schultern: „Vielleicht werden das eines Tages auch Maschinen nachstellen können. Momentan wäre ich dabei aber vorsichtig.“ Doch Apostolopoulos weiß auch: Videos und Hologramme sind besser als nichts. Die eigentliche Gefahr besteht im völligen Verlust von Überlieferungen der Überlebenden.

Ein Zeitzeugnis abzulegen, dazu gehört unglaublicher Mut. „Wir hatten Fälle, in denen die Zeitzeugen wollten, dass ihre Interviews erst nach ihrem Tod veröffentlicht werden“, erinnert sich Apostolopoulos. Viele haben lange gebraucht, um ihre Stimme zu finden. Die Überwindung ist groß, bei digitalen Interviews sogar noch größer. „Alte Menschen sind nicht so leicht vor die Kamera zu bringen, denn sie schauen in den Spiegel und stellen fest: Sie sind nicht mehr jung.“

Eine andere Sorge äußert Historikerin Magdalena Waligorska bei einer Podiumsdiskussion des Berliner iRights.Lab: „Für mich persönlich ist es verstörend, Interviews zu sehen, in denen die Überlebenden in ihrem Bett sitzen, im Schlafanzug, manchmal gar nicht zurecht gemacht. Dann Frage ich mich, inwiefern diese Zeugnisse für das digitale Medium missbraucht werden. Wissen sie wirklich, dass die ganze Welt sie online sehen kann – für immer?“ Zeitzeugen müssen Waligórskas Meinung nach über den Zweck der digitalen Projekte besser informiert werden. „Und das ist nicht leicht! Denn ich weiß nicht, wie ich einer 90-jährigen Frau erklären soll, was das Internet ist.“ Digitale Zeitzeugnisse seien etwas Wundervolles, Wunderschönes, aber auch etwas unglaublich Mächtiges.

Wie „analoge“ Zeitzeugengespräche finden ihre digitalen Ableger den größten Anklang im Bildungswesen. Dabei stellen sich auch ethische Fragen: Sollten die Interviews frei im Netz veröffentlicht werden oder doch gesammelt in einer zentralen Datenbank? Sollten sie passwortgeschützt oder für jeden sichtbar sein? Wie sieht es mit dem Datenschutz aus? Geschäftsführer der USC Shoah Foundation, Stephen Smith, versichert in einem Interview mit CNN Business, dass jede einzelne Antwort der Zeitzeugen in ihrer ursprünglichen Form wiedergegeben wird, ohne Kürzungen oder Änderungen. Doch wenn die Hologramm-Software künftig weltweit zu Lehrzwecken zur Verfügung stehen soll, muss sie online zugänglich sein. Die Gefahr der Manipulation ist dabei nicht auszuschließen. Holocaustleugner könnten ungenaue Zitate oder falsche Erinnerungen aus ihrem Kontext reißen und für antisemitische Zwecke instrumentalisieren. In der Datenflut des Internets verschwimmen dann schnell die Unterschiede zwischen Original und Manipulation.

Auch wenn das Hologramm von Pinchas Gutter vorerst nur in ausgewählten Museen zu sehen ist, die Idee dahinter bleibt: Fragen stellen darf jeder, sollte jeder, muss jeder. Um die Erinnerungen der Überlebenden weiterzutragen. Um den Kindern von morgen vom Leben damals zu berichten. Damit auch sie niemals aufhören, Fragen zu stellen.

Beitragsfoto: Annika Grosser

Annika Grosser
Annika Grosser
redakteur20@wirklichwahr.org
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