Der Ursprung der digitalen Welt

Unsere Reporterin fragt sich: Wann hat alles angefangen, Internet und Digitalisierung? Auf Spurensuche verirrt sie sich in Daten, Bits und Zahlen.

Zwei Tage nach Redaktionsschluss. Die Betonung liegt auf: nach. Das Word-Dokument: leer. Mein Blick: gefangen. Nur das Blinken des Cursors unterbricht das Weiß. Es stört die homogene Oberfläche, wie ein Tomatenfleck auf einer weißen Bluse. Das nervt. Auf der Suche nach den Anfängen der Digitalisierung stecke ich fest. Irgendwo im Nirgendwo des Internets irre ich umher, verirre mich. Das Internet öffnet unendliche Weiten, fasst ungreifbar viele Informationen, weiß alles, gibt Antworten auf alles. Nur nicht auf meine Fragen. Was ist Digitalisierung? Wann hat sie angefangen? Wann wurde das Internet erfunden? Wann der Computer? Nach dem ich gefühlt tausend Begriffe in die Suchleiste von Google tippte, bin ich so schlau wie vorher. Mein Gehirn: vollgestopft mit Zahlen und Daten ohne Zusammenhang.

Wann hat das Zeitalter der Digitalisierung denn nun angefangen? Gute Frage, ein erster Schritt.

1937 entwickelte der deutsche Ingenieur Konrad Zuse den Z1. Einen Computer, der noch keiner war. Er arbeitet mechanisch und ähnelt eher einer Rechenmaschine. Das Besondere: Der Z1 ist frei programmierbar und nutzt binäre Zahlen statt das Dezimalsystem. Nach dem Übergangsmodell Z2 entwickelte Zuse 1941 zusammen mit Helmut Schreyer das Folgemodell: den Z3. Der erste Digitalrechner. Vollautomatisch und frei programmierbar. Er wiegt etwa eine Tonne, ist so groß wie ein Wohnzimmerschrank und sieht auch so aus. Sein Bedienfeld: mit Tasten und Knöpfen bedeckt. Sein Inneres: vollgestopft mit 30.000 Kabeln – Relaistechnik.

Und nein, ich kann nicht erklären, was Relaistechnik bedeutet. Ich habe versucht, es zu verstehen, ehrlich. Aber ich habe keine Ahnung.

Konrad Zuse mit Z3, der weltweit erste funktionsfähige Digitalrechner
Konrad Zuse mit Z3, der weltweit erste funktionsfähige Digitalrechner - Foto: Deutsches Museum in München

Der Schrank ist gefüllt mit hunderten kleinen Kästen: Relais, eine Art von Schalter, der durch elektrischen Strom betrieben wird. Das sieht kompliziert aus, viel komplizierter als unsere heutigen Computer.

Nach stundenlanger Recherche zu den Rechnern Z1 und Z3 komme ich zu einer schwer wiegenden Erkenntnis: Ich verstehe die Scheiße nicht, über die ich schreibe!

Zurück zum Thema: Der Zweite Weltkrieg, 21. Dezember 1943, Bombenanschlag auf Berlin. Der Z3: zerstört. Alle Originalfotos: zerstört. Nur eine Zeichnung blieb erhalten. Erst 1962 baute die Zuse KG den Digitalrechner nach, der heute im Deutschen Museum in München steht.

Daten über Daten über Daten und Daten füllen meinen Kopf: An diesem Punkt habe ich ein Déjà-vu: Ich fühle mich an meinem Geschichtsunterricht in der Schule erinnert. Eigentlich habe ich den Unterricht geliebt. Die Prüfungen aber waren die Hölle. Daten über Daten über Daten und Daten habe ich jedes Mal reingestopft, um am Ende doch mit einer drei aus dem Test zu gehen. Ich tippe weiter. Begriff nach Begriff und noch mehr Begriffe in die Suchleiste von Google. Das Ergebnis: noch mehr zusammenhanglose Informationen. 

Wann hat das Zeitalter der Digitalisierung denn nun angefangen? Gute Frage, verschiedene Thesen.

Seit einigen Jahren verwenden wir in Deutschland den Begriff „Industrie 4.0“ als Synonym für Digitalisierung. Der Gedanke, dass das Zeitalter der Digitalisierung vor weniger als einem Jahrzehnt begonnen haben soll: absurd. Computer, Handy, Internet – nichts Neues. Als Grundschülerin tippte ich unsere Schülerzeitung auf den Schulcomputern. Zugegeben: Sie sahen aus, wie kleine Röhrenfernseher, aber ins Internet kam man. In der fünften Klasse hatten einige von uns schon ihr erstes Telefon, meist ein recyceltes Klapphandy. Nach dem Unterricht standen wir an der Haltestelle, in Gruppen versammelt jeweils um eines der Geräte. Nach und nach war jeder an der Reihe eine Runde „Doodle Jump“ oder „Snake“ zu spielen. Dann kam der Bus. 

Ein ganz anderer Ansatz: Digitalisierung begann im 19. Jahrhundert, während der Industriellen Revolution. Heimgewerbe werden Manufakturen. Manufakturen werden Fabriken. Bauern ziehen vom Land in die Stadt, werden Industriearbeiter. – Der Gedanke, dies sei bereits Digitalisierung, erscheint mir genauso absurd, wie der vorherige.

Wann hat das Zeitalter der Digitalisierung denn nun angefangen? Gute Frage, nächste Frage.

Auf meinem Schreibtisch stapeln sich halbleere Tassen mit vertrockneten Teebeuteln. Auf den Blätterhaufen stehen Tellerhaufen und auf den Tellerhaufen noch mehr Teebeutelhaufen. Ich bin nichts anderes mehr, als frustriert. Die Suche nach den Anfängen der Digitalisierung: Wer hatte nur die Idee zu diesem Thema? – Ach ja. Ich. Mir wird bewusst: Alleine komme ich nicht weiter. Ich brauche Hilfe. Drei Mal klingelt es, bevor mein Chefredakteur abnimmt. Schnell ist meine missliche Lage erklärt. Mit erhobener Stimme und unterdrücktem Lachen antwortet er begeistert: „Das wird super! Ich sehe es schon vor mir: Journalistin auf Spurensuche nach dem Internet!“ Ich schweige. Bin nicht überzeugt. Er merkt mir meine Ratlosigkeit, meine Verzweiflung, an. Er lacht ins Telefon: „Dass dir das Thema so schwerfällt, macht mich irgendwie schadenfroh.“ Danke, sehr hilfreich. „Das wird super!“, schreit er zum zweiten Mal durch die Leitung, gefolgt von einem „Halt mich auf dem Laufenden!“ und einem langen Piepen. Er hat aufgelegt.

Wann hat das Zeitalter der Digitalisierung denn nun angefangen? Gute Frage, weiter geht’s.

Begriffe in die Suchleiste von Google tippen, schon wieder. Wer hätte das gedacht: Zwischen all den Daten über Daten und Daten stoße ich auf ein Interview. Ein Interview mit Digitalhistoriker Jens Crueger. Seit 2012 erforscht Crueger die Geschichtsschreibung des Internets. Er berichtet, wie wenig von den ersten Momenten des Internets archiviert ist. Trotzdem erzählt er viel darüber, hat Ahnung von dieser ganzen Sache mit der Digitalisierung. Zumindest mehr als ich. Offensichtlich.

Wann hat das Zeitalter der Digitalisierung denn nun angefangen? Gute Frage, ein paar E-Mails später.

Bereits vor Jahrhunderten wurden die Grundsteine für das heutige Zeitalter der Digitalisierung gelegt, erklärt Crueger: „Ideengeschichtliche Vorläufer der Digitalisierung finden sich bereits im 17. Jahrhundert, als erste mechanische Rechenmaschinen entwickelt wurden. Die erste wurde 1623 von Wilhelm Schickard für astronomische Berechnungen gebaut. In den 1920er und 1930er Jahren wurden in den USA dann elektromechanische Rechner entwickelt. 1941 konstruierte Konrad Zuse mit dem sogenannten Z3 den ersten funktionsfähigen Computer, einen Rechner, der vollautomatisch und basierend auf frei programmierbaren Programmen arbeitete.“ 

Kann man also in den 1920ern und 1930ern schon von Digitalisierung reden? Zugang zu Computer hatten nur die wenigsten Menschen. Erst Ende des Jahrhunderts veränderte die Erfindung langfristig unser gesellschaftliches Leben. Die Folgen: treten Jahrzehnte später ein.

„Ein weiterer wichtiger Schritt für die ‚digitale Revolution‘ war der Siegeszug der Personal Computer (PC). Man muss sich bewusst machen, dass die Vorstellung, Computer könnten Einzug in jedes Wohnzimmer halten, noch in den 1960er und 1970er Jahren als utopisch und verrückt galt. Steve Wozniak stellte dennoch im April 1976 seinen Heimcomputer vor, der später von Apple weiterentwickelt und in Serie produziert wurde.“

Unvorstellbar. Ganz selbstverständlich steht mein PC vor mir. Ich bin damit aufgewachsen, dass alle paar Monate ein neues Handymodell Trend ist. Serienproduktion, etwas ganz Normales. Ahja – Wo ist eigentlich mein Handy? Schon vor Stunden muss es unter dem beharrlich wachsenden Tee- und Blätterhaufen verschwunden sein.

1993: Das Internet kann von jedem genutzt werden. 2019: Wir kommunizieren online. Wir arbeiten online. Wir leben online. Das Netz ist unvorstellbar, unkontrollierbar, unendlich. Wir haben nur zu einem Bruchteil des Internets Zugang, berichtet Crueger: „Als Netz versteht man das World Wide Web. Dabei handelt es sich im Kern um ein System von Dokumenten, wir nennen sie Webseiten, die miteinander verknüpft sind. Das Netz besteht aus zwei Bereichen: Das sogenannte Surface Web ist der Bereich, den man mittels Suchmaschinen finden und aufrufen kann. Viel größer als dieses Surface Web, schätzungsweise mindestens 400 Mal so groß, ist das Deep Web. Darunter versteht man jene Bereiche, die nicht von Suchmaschinen gefunden werden können. Diese Seiten sind oftmals Passwort geschützt, beispielsweise Bankingaccounts oder Adressdatenbanken. Das Deep Web ist nicht zu verwechseln mit dem Dark Web, worunter man Netzwerkverbindungen versteht, die zwischen den Nutzern manuell aufgebaut werden.“

Wann hat das Zeitalter der Digitalisierung denn nun angefangen? Gute Frage, eine genaue Antwort gibt es nicht. Mein Thema: unüberschaubar. Frustrierend. So ging es mir am Anfang meiner Recherche und so geht es mir noch immer. Ich bin keinen Schritt weitergekommen. Stecke fest in den Weiten des Internets. Ich habe mich verlaufen, verirrt, finde nicht mehr heraus. Meine Frage: unbeantwortet. Sie wird es bleiben.

Crueger definiert: „Digitalisierung meint zweierlei. In der technischen Dimension bezeichnet es die Übersetzung von analogen Daten in digitalen Code. In der gesellschaftlichen Dimension meint es die Veränderungsprozesse, die durch digitale Instrumente und Methoden ausgelöst werden.“

Digitalisierung ist alles und nichts. Es ist verwirrend, unvorstellbar, beängstigend. Das Internet nimmt einen so großen Raum ein, ohne Raum einzunehmen. Es ist nicht greifbar, physisch nicht existent. 

Geschichtliche Ereignisse beeinflussen sich gegenseitig. Die Ursprünge der Digitalisierung haben Ursprünge und die Ursprünge der Ursprünge haben Ursprünge. Ein genaues Datum festzulegen: unmöglich. Technisch gesehen besteht Digitalisierung heute nur aus Einsen und Nullen. Gesellschaftlich hat Digitalisierung in den letzten Jahrzehnten unser Leben massiv verändert. Wir kommunizieren online. Wir arbeiten online. Wir leben online.

Wann hat das Zeitalter der Digitalisierung denn nun angefangen? Gute Frage. Sie beantworten zu wollen, war von Anfang an größenwahnsinnig.

Beitragsfoto: Mareike Munsch

Mareike Munsch
Mareike Munsch
redakteur18@wirklichwahr.org

Mareike Munsch war Teil der wirklich\\wahr-Redaktionen "\\digital" im Herbst 2019.

Keine Kommentare

Kommentieren