Protest für mehr Klimaschutz

„Die Zeiten des rein digitalen Protests sind passé“

Online-Petitionen, #BlackLivesMatter, #MeToo – es scheint als würde Protest zunehmend in den digitalen Raum wandern. Der Politikwissenschaftler Daniel Staemmler widerspricht. Damit eine soziale Bewegung Erfolg hat, müsse sie digital und analog anschlussfähig sein.

Überall auf der Welt entstehen zur Zeit Protestbewegungen, die sich über Facebook oder Messenger-Dienste wie Telegram und WhatsApp organisieren. Ist das der Grund warum sie so stark sind?

Diese Bewegungen sind in einer Generation entstanden, in der die Nutzung digitaler Medien vollkommener Alltag ist. Ich denke, dass WhatsApp- oder Telegram-Gruppen unheimlich hilfreich sind für die spontane Koordination oder auch die Mobilisierung. Aber ich denke auch, dass eine solch großflächige Protestbewegung in der Vergangenheit schon möglich war. Auch wenn der Aufwand, um so viele Leute zum gleichen Zeitpunkt auf die Straße zu bringen, doch um einiges größer war.

Die Aktivisten mussten Plakate kleben oder Flugblätter verteilen.

Was ja auch in der Vergangenheit schon der Fall war: Wenn man versucht für große Proteste zu mobilisieren, lässt sich das schwierig unsichtbar machen. Man könnte die These anstrengen, dass das über Messenger-Dienste um einiges leichter geworden ist. Das bleibt allerdings auch ein wenig fraglich, denn natürlich können sich auch Vertreter der staatlichen Institutionen in diese Gruppen einschleusen.

Ganz allgemein gefragt, wie verändern digitale Medien Protestbewegungen?

Zum einen gibt es das ganz alte Versprechen des Internets, nämlich die Vernetzung: Jeder kann mit jedem kommunizieren. Daraus wird immer wieder abgeleitet, dass es für soziale Bewegungen einfacher geworden ist, Leute zu mobilisieren. Zum anderen gibt es auch soziale Bewegungen, die aus eher diffusen Massen online entstehen. Die großen Beispiele hierfür sind #BlackLivesMatter oder #MeToo. Hier haben sich Leute um einen Hashtag herum auf Twitter unterhalten und Diskriminierungserfahrungen ausgetauscht. Und über die Zeit werden aus diesen eher losen Assoziationen auch Proteste auf die Straße getragen.

Was können solche Hashtags denn für sich alleine bewirken?

Da ist zum einen das Empowerment, also die Tatsache, dass man sich mit vorher Unbekannten austauschen kann. Zum anderen können gerade auf einer Plattform wie Twitter Themen politisiert und an die Politik oder die Massenmedien herangetragen werden. Gerade dabei ist aber auch wichtig zu sehen, dass es so was wie den Digital Divide gibt.

Was bedeutet das?

Nur ein sehr geringer Teil, circa vier Prozent der deutschsprachigen Bevölkerung, ist regelmäßig auf Twitter unterwegs. Man könnte also davon sprechen, dass es ein ziemliches Elitenmedium ist. Man erreicht über einen Hashtag vielleicht diese Eliten, aber damit ist noch lange nicht gesagt, dass man auch wirklich Erfolg hat. Dafür kommt es auch darauf an, dass der Druck auf die Massenmedien oder auch die Politiker*innen konstant gehalten wird. Da befindet sich so ein Hashtag-Aktivismus in der gleichen Konkurrenz um Aufmerksamkeit wie viele andere Protestbewegungen auch.

Wann hat so ein Hashtag Erfolg?

Zum einen muss es ein gewisses Gelegenheitsfenster geben. Wenn das Thema schon durch andere Bewegungen oder Organisationen besetzt ist, macht es das schwieriger. Andererseits gibt es ganz gute Erkenntnisse aus der Forschung, dass ein Hashtag immer dann besonders gut funktioniert, wenn er anschlussfähig ist. Zum Beispiel im Hashtag #WhyIStayed, wo es um häusliche Gewalt ging. Diese Formulierung hat wunderbar dazu geführt, dass Leute das in eigene Aussagen aufnehmen konnten.

Daniel Staemmler
Daniel Staemmler studierte Politikwissenschaft und Soziologie, heute arbeitet er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der FU Berlin - Foto: privat

Braucht es dann analogen Protest überhaupt noch?

Wir sprechen derzeit von einem hybriden Mediensystem. Wir haben neben der digitalen Welt immer noch eine politische Öffentlichkeit, die stark über die klassischen Zeitungen und das Fernsehen organisiert ist. Das heißt nicht, dass man nicht auch unabhängig von diesen Medien Leute für ein Protestereignis erreichen kann. Aber um dauerhaft die Aufmerksamkeit von politischen Institutionen zu finden, muss man in die gesellschaftliche Debatte hereinkommen, die über die Massenmedien organisiert wird. Wenn der Thread auf Twitter es schafft, die Aufmerksamkeit von Medienvertreter*innen zu erlangen oder wenn sich Politiker*innen beteiligen, dann ist der Weg frei, um in diese klassische politische Öffentlichkeit zu kommen.

Welche Vorteile sprechen für digitale, welche für analoge Protestformen?

Ich glaube, dass beides nicht so richtig voneinander zu trennen ist. Man hat das beispielsweise bei den Protesten gegen die Urheberrechtsreform in diesem Jahr gesehen. Da gab es online schon lange Debatten um diesen berühmten Artikel 13. Es gab viel Kritik, die aber erst dann richtig Schlagkraft entwickelt hat, als der Protest sich auf die Straße verlagert hat. Ich glaube, dass sich analoger Protest, von der Demo bis zu Formen des zivilen Ungehorsams, und digitale Formen ergänzen. Die Zeiten des rein digitalen Protests sind, glaube ich, passé. Die eher radikale Form wie der Aktivismus durch Anonymous hat ja auch darauf gebaut, Aufmerksamkeit zu generieren. Sie ist aber auch sehr schnell kriminalisiert worden. Das sind Formen des digitalen Protests, die wir derzeit gar nicht mehr so richtig sehen.

Anonymous ist vor allem mit Hacking-Angriffen, unter anderem gegen Scientology und die Regierungen mehrerer Länder, aufgefallen. Sind radikale digitale Proteste gescheitert?

Das wäre zu viel. Sie sind aber nicht mehr so präsent. Auch die Beteiligung an Online-Petitionen oder an Hashtags reichen nicht aus, um in der Aufmerksamkeitsökonomie, die wir haben, ein Anliegen an die Politik heranzutragen. Dafür braucht es dann doch die Kombination mit der Demonstration auf der Straße oder mit weiteren kreativen Aktionen.

„Fridays for Future“ organisiert sich basisdemokratisch in WhatsApp-Gruppen. Und doch sind Greta Thunberg und Luisa Neubauer für uns die Gesichter der Bewegung. Kommen Protestbewegungen am Ende doch nicht ohne Führungsfiguren aus?

Auf kurz oder lang kommt es immer zu gewissen Hierarchisierungen, einfach weil die Koordination von Bewegungen anders kaum zu leisten ist. Und Massenmedien sind auf Ansprechpartner angewiesen. Aber natürlich, die Organisation von Protest über Telegram wie etwa in Hong Kong ermöglicht es, zuerst einmal keine Bewegungspersönlichkeiten hervorzubringen. Dann hat bei den letzten Protesten des Umbrella Movement 2014 Joshua Wong diese Rolle auf sich genommen hat und saß bis vor kurzem noch im Gefängnis. Das sind natürlich Sachen, die so eine Bewegung vermeiden will.

In Hongkong organisiert sich der Protest unter anderem auch über Online-Rollenspiele, Demonstranten nehmen im echten Leben beispielsweise die Rollen von Feuer- oder Wassermagiern ein.

Das hat mich an die Anti-Globalisierungsbewegung erinnert. Also an groß angelegte Proteste, wie wir sie heute noch bei G20 kennen oder gegen die Welthandelsorganisation in Seattle 1999. Da gab es auch schon sehr performative Rollen, die verschiedene Gruppen eingenommen haben. Es gab Leute, die dafür zuständig waren, kreativ bestimmte Zufahrtswege zu blockieren, geradezu karnevalesk mit Verkleidungen. Genauso sehen wir auch in Hong Kong, dass bestimmte Leute die Aufgabe haben, gegen Tränengaskanister vorzugehen. Dass es da bei einer großen Verbreitung von Online-Gaming naheliegt, sich etwa als Gilde zu verstehen, wie wir es aus „World of Warcraft“ kennen, scheint mir einfach nur eine Übertragung altbekannter Rollenverständnisse zu sein.

Beitragsfoto: Phil Hearing, unsplash.com

Elena Bruckner
Elena Bruckner
redakteur23@wirklichwahr.org

Elena Bruckner war Teil der wirklich\\wahr-Redaktionen "\\digital" im Herbst 2019 sowie "\\corona" im Frühjahr / Sommer 2020.

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