Digitalkonferenz

Die Digitalisierung ist präsent in allen Bereichen unseres Lebens. Alte und Junge blicken unterschiedlich auf diese Entwicklung. Wie verschieden ist die Lebensrealität  von drei Generationen?
Wir baten eine Familie, über das Damals, Heute und Bald in einer digitalen Welt zu diskutieren.


Ilse, die Großmutter, ist 79 Jahre alt, gebürtig aus Bochum und Rentnerin.
Michaela, die Mutter, ist 49 Jahre alt und Küsterin in einer evangelischen Gemeinde in Bochum.
Matthias, der Vater, ist 51 Jahre alt und Geschäftsführer des „BlauenKreuzes“, einer kirchlichen Organisation zur Unterstützung von Suchtkranken.
Paula, die Tochter ist 18 Jahre alt und in der zwölften Klasse, steht also kurz vor dem Abitur. Sie hat einen älteren Bruder der momentan in Bremen studiert.

Im Gespräch mit einer Familie. 

Ilse, die Großmutter, ist 79 Jahre alt, gebürtig aus Bochum und Rentnerin.

Ilse, die Großmutter, wohnt in einem großes Reihenhaus am Rande von Bochum. Matthias, ihr Sohn, erzählt, dass er und seine Geschwister hier aufgewachsen sind. Ich habe eine Familie gefunden, mit der ich mich über Digitalisierung unterhalten kann. Drei Generationen, die unterschiedlich viele Abschnitte der Digitalisierung miterlebt haben. Die Konflikte, die dabei immer präsent sind haben wir erlebt, konkret in einem Gespräch entlang der Konfliktlinien. Entlang der Generationen.

w\\w: Wo begegnet euch Digitalisierung im Alltag?

Matthias: Prozesse verändern sich: Früher hat man Briefe geschrieben, heute wird viel schneller und kostenlos kommuniziert. Durch die Digitalisierung hat sich die Kommunikation komplett verändert. Ich glaube es ist gut, wenn man da einen gemeinsamen Konsens hinkriegt, da gibt es auch kein falsch und kein richtig.

Michaela: Ich bin der digitale Muffel von uns (Lachen) Ich benutze ein Handy für den Job, ich muss erreichbar sein. Ansonsten aber wenig.

Ilse: Ich denke, dass im Alltag Fluch und Segen der Digitalisierung ganz nah beieinander liegen. Ich habe als Oma beobachtet, wie die jungen Leute so sehr damit beschäftigt sind. Das hat mich ängstlich gemacht, dass eine Sucht daraus werden könnte. Aber ohne geht es nicht mehr. Ich schreibe übrigens nur Briefe. Ich habe zwar ein Handy, aber das ist immer aus. (Lachen)

Paula: Das darf man gar nicht mehr sagen!

 

Wir leben im Einklang mit dem Rhythmus unseres Handylichts. Es ist das Erste, das uns morgens begrüßt, das Letzte, das uns gute Nacht wünscht. Algorithmen bestimmen, wen wir kennenlernen, an welche Ereignisse wir uns erinnern, welche Informationen wir lesen. Als wären sie Naturgesetze und wir ihnen willenlos unterworfen. Doch diese Trance stören, reicht aus, um uns in die reale Welt zurück zu reißen.

Ilse: Wenn man alleine unterwegs ist, kann das Handy hilfreich sein, aber sonst erreicht mich keiner. Ich will auch gar nicht erreichbar sein. Dafür gibt es das Festnetz, das reicht mir.

Matthias: Es ist spannend zu hören, dass für euch Digitalisierung zum Großteil das Handy ist. Für mich geht das in eine ganz andere Richtung, so wie die Automatisierung von Prozessen.

Paula: In der Schule reden wir auch oft über die Digitalisierung und da geht es eher primär um das Internet. Wir versuchen aber auch mit verschiedenen Plattformen zu arbeiten. In Kunst haben wir eine Abstimmungs-App, da muss man sich nicht mehr melden, das ist dann viel anonymer. Das finde ich total cool.

w\\w: Findest du das angenehmer, als dich zu melden?

Paula: Ja auf jeden Fall! Ich bin viel offener, weil es anonym ist.

Matthias: Den Satz fand ich grade spannend, Paula. Du sagst man wird offener, obwohl man anonymer wird. Das ist doch eigentlich ein Widerspruch, oder?

Paula: Diese Anonymität hat natürlich auch Nachteile, grade bei Mobbing.

Paula, die Tochter, ist 18 Jahre alt und in der zwölften Klasse, steht also kurz vor dem Abitur. Sie hat einen älteren Bruder der momentan in Bremen studiert.
Paula, die Tochter, ist 18 Jahre alt und in der zwölften Klasse, steht also kurz vor dem Abitur. Sie hat einen älteren Bruder der momentan in Bremen studiert.

ie Selbstverständlichkeit mit der wir uns durch das Netz bewegen, schenkt uns das Gefühl digital zu Hause zu sein. Diese Illusion zerbricht, sobald Hass ihr entgegenschlägt. Durch das Internet überwinden Mobbing und Hetze jede Grenze von Zeit und Raum und gewinnen dadurch eine Macht, die wir kaum noch eingrenzen können.

w\\w: an Paula Könntest du in einer Welt ohne Internet leben?

Paula: Nee, auf gar keinen Fall. Nicht mehr. Man kann uns nicht dafür verurteilen, wir sind damit aufgewachsen, wir kennen das gar nicht mehr anders. Sogar die Kinder im Kindergarten haben mittlerweile schon ein Handy.

w\\w: Siehst du das kritisch?

Paula: Ja, ich finde das viel zu früh, das muss nicht sein. Kinder können doch mit anderen Kindern spielen. Die müssen nicht direkt so ein Ding in der Hand haben.

Matthias: (leicht ironisch) Warum denn nicht, ist doch toll. Ersetzt Kindergärten.

Warum sollten wir uns einschränken lassen, auf der Entdeckungsreise durch unsere schöne, neue Welt? Manchmal fragen wir uns das. Dann sehen wir, jüngere Generationen digitale Medien  ohne  jede Begrenzung nutzen. Das beunruhigt. Vielleicht können wir die Bedenken unserer Eltern und Großeltern manchmal besser nachvollziehen, als uns lieb ist. 

w\\w: an Matthias und Michaela gerichtet Wie geht es Ihnen damit?

Michaela: Ich fühle mich manchmal schon etwas überfordert. Aber ich bin auch nicht diejenige die überall „surft“ und neue Sachen ausprobieren muss. Ich komme klar und das reicht für mich. Ich habe auch nur so einen uralten Computer.

Matthias: Der ist gar nicht so uralt!

Michaela: Jaja top aktuell. Da lachen immer alle über mich, weil ich nicht immer mobil und erreichbar bin.

Paula: seufzt  Ja echt schlimm.

Michaela: Nur Zuhause habe ich Internet und sonst kann man mich anrufen. Das wäre für viele ja schrecklich.

w\\w: Paula, du hast eben genervt reagiert, als deine Mutter gesagt hat, dass sie nicht immer erreichbar ist.

Paula: Ja, ich finde das nervig, wenn Leute nicht erreichbar sind. Heutzutage könnte man das schon sein.

Michaela: Ich bin doch über das Telefon erreichbar.

Paula:  genervt Ja schon aber…

Michaela: Aber das ist dann nicht passend.

Paula: Ich kann nicht immer telefonieren…

w\\w: Paula, kommunizierst du viel über Kurznachrichten?

Paula: Ja! Ich telefoniere eigentlich gar nicht mehr.

Michaela: Nur wenn die Oma anruft. lachen

Ilse: Aber am Telefon werde ich wenigstens nicht gemobbt. lachen

Michaela: Ich auch nicht!!

Ilse: Diese Probleme habe ich nicht, ist das nicht schön? Da regen sich alle auf und ich denke mir „nee ich nicht,“ gut!

 Von Älteren wird es uns häufig als fehlende Wertschätzung angelastet wenn wir während eines Gesprächs auf unser Handy schauen. Wir würden den Fokus zu verlieren, nicht ganz bei der Sache zu sein und unseren Gegenüber nicht wertzuschätzen. Aber auch schnelles Antworten drückt eine Art der Wertschätzung aus. Das wirft uns in einen ständigen Konflikt: Willst du jemanden wertschätzen, musst du sofort reagieren. Zur selben Zeit sollst du deinem Gegenüber ungeteilte Aufmerksamkeit schenken. Unlösbar. 

w\\w: an Paula Nervt es dich, dass Erreichbarkeit eine so große Rolle spielt?

Paula: Schon. Wenn man sich mit mehreren trifft und jeder ist am Handy. Aber das sehen die anderen manchmal anders.

w\\w: An Michaela Du lächelst. Ist das in der Familie auch Thema?

Michaela: Manchmal habe ich das Gefühl, die Nachrichten können nicht warten. Die Handys müssen bei uns während des Essens vom Tisch. Dieser Druck sofort antworten zu müssen, das kann doch nicht so dringend sein. Ich kriege mit, dass die Kinder davon gestresst sind.

w\\w:zu Paula  Stresst dich das?

Paula: Manchmal schon. Wenn eine Nachricht kommt, will ich die sofort lesen.

Ilse: Also ich habe den Anrufbeantworter wegmachen lassen. Wenn ich drei Anrufe in Abwesenheit zurückrufen soll, stresst mich das! Vielleicht ist das egoistisch, aber wenn es wichtig ist, können die wieder anrufen.

Matthias, der Vater, ist 51 Jahre alt und Geschäftsführer des „Blauen Kreuzes“, einer christlichen Organisation zur Unterstützung von Suchtkranken.

Auch wenn sozialer Druck keine Erfindung unserer Generation ist, entwickeln wir digitale Werkzeuge, um uns gegenseitig zu bewerten und zu überwachen. Erreichbarkeit wird von einer Möglichkeit zur Notwendigkeit. Während einige ihr Privatleben in Livestreams veröffentlichen, kleben andere ihre Laptopkameras ab.

w\\w: An Paula Gibt es Leute in deinem Alter, die ganz bewusst auf digitale Medien verzichten?

Paula: Das sind wenige. Irgendwie will man doch dabei sein.

Michaela: Paula war mit 14 die Letzte ihrer Klasse, die ein Handy bekommen hat. (Zu Paula) Dein Lehrer hat das sogar beim Elternsprechtag angemerkt. Deshalb wird wohl häufig jemand ausgeschlossen.

Ilse: Müssen wir diesen ganzen Quatsch aus Amerika haben? Das brauchen wir doch gar nicht  die anderen lachen  Nee ehrlich das ist nicht immer alles gut.

w\\w: An Ilse Haben Sie eine Idee wie sich die Digitalisierung weiterentwickeln wird?

Ilse: Ich habe keine Sorge, dass ich mich damit noch befassen muss.

Matthias: Aber du kriegst doch mit, wie sich alles entwickelt. Zum Beispiel autonomes Fahren.

Ilse: Das finde ich richtig unheimlich. Mich beängstigt das!

Matthias: Da würdest du auch nicht einsteigen?

Ilse: Nicht unbedingt.

Mathias: Nicht unbedingt oder gar nicht?Ilse: Also wenn das ein Notarzt ist und ich muss da rein, dann ja, aber sonst nicht. (Lachen)

w\\w: Warum?

Ilse: Die Angst, dieses Ungewohnte. pause  Ja… Der Technik traue ich nicht unbedingt Besseres zu, als dem Menschen, der es gelernt hat. Wenn nur eine Schraube locker ist, passiert etwas.

w\\w:an Paula Wie geht es dir damit, vertraust du der Technik?

Paula: Auf jeden Fall mehr als meiner Oma. (Lautes Lachen) Nein, ich meine, ich vertraue der Technik mehr als Oma der Technik vertraut!!

Michaela, die Mutter, ist 49 Jahre alt und Küsterin in einer evangelischen Gemeinde in Bochum.
Michaela, die Mutter, ist 49 Jahre alt und Küsterin in einer evangelischen Gemeinde in Bochum.

Wir sehen nur selten Risiken und Gefahren in dieser neuen Welt, wir sehen ihr Potential! Alles geht noch schneller, noch länger und noch einfacher! Jede Minute in der wir nichts Neues erfahren ist Verschwendung. Wir verstehen das Zögern unserer Eltern und Großeltern nicht. Können in unserem Übermut oft nicht nachvollziehen, warum wir auf irgendjemanden oder irgendetwas warten sollten.

w\\w: an Ilse Ist die Digitalisierung vergleichbar mit anderen Entwicklungen, die Sie miterlebt haben?

Ilse: Früher hatten wir keine Waschmaschine und keinen Kühlschrank. Diese Veränderungen waren aber nicht so schnell. Wir Älteren kommen nicht mehr mit. Ich habe zu wenig Übung! Für mich muss es immer mit dem gleichen Bild anfangen und dann müssen alle Schritte gleich sein. Sonst bin ich verunsichert. Aber ich habe da auch keinen Ehrgeiz.

Matthias: Digitalisierung, das Internet, ist für mich eine Sprache. Man muss sich hinsetzen und sich damit beschäftigen. Aber will ich das überhaupt? Was ich toll finde ist, dass heute die Kinder den Erwachsenen was beibringen.

Ilse: Wir Älteren profitieren davon, dass unsere Kinder und Enkelkinder das können. Wenn wir hier am Tisch sitzen und uns fragen, wie hieß der nochmal, zack zack, haben die das! Oder wann der Bus fährt. Das find ich ganz toll!

w\\w: Gibt es Momente, in denen Sie das Gefühl haben, ausgeschlossen zu sein?

Ilse: Im Leben nicht! Dann gehe ich zur Busstation und frage nach, ich wüsste gar nicht, wie das anders geht.

w\\w:Wie seht ihr anderen die Zukunft?

Paula: Ich freu mich darauf, ich glaube es gibt viele Dinge, die noch besser werden können.

Michaela: Es geht rasant weiter, und ein bisschen erschreckt mich das.

Matthias: Die Frage ist nicht mehr ob es weiter geht, sondern nur noch wie. Deswegen müssen wir lernen, damit umzugehen. Grenzen zu ziehen: wozu sage ich ja, wozu sage ich nein.

Wir sind die Sandwich-Generation, das Internet ist jetzt 50 Jahre alt geworden, ist also genauso alt wie wir. Schon wir hatten keine Chance dem Thema zu entgehen.

Für uns gibt es ein Leben ohne Internet nicht mehr. Und trotzdem fühle selbst ich mich manchmal abgehängt. Unsere Realität findet zum Großteil in diesem sich ständig verändernden und wachsenden Digitalkosmos statt, doch uns hat nie jemand wirklich die Gesetzte und Regeln erklärt. Wer sollte das auch tun? Wir sind schließlich die Lehrer*innen.

Das Beitragsfoto zeigt Paula, Matthias und Ilse, Foto: Leonie Hartge.

Leonie Hartge
Leonie Hartge
redakteur24@wirklichwahr.org

Lisa Steffney war Teil der wirklich\\wahr-Redaktion "\\digital" im Herbst 2019, ist im Team der Jugendpresse Rheinland-Pfalz aktiv und leitet das Studierendenmagazin Trierlog.

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