LIEBE MINI-LISA, …

Technik war für unsere Autorin nie wichtig. Und doch haben sich digitale Medien immer tiefer in ihr Leben geschlichen. Mit 23 Jahren schreibt sie ihrem kleinen Ich deshalb einen Brief.

Das Beitragsfoto zeigt Lisa und ihre Schwester.

Liebe Mini-Lisa,

in deiner Welt ist es gerade das Jahr 2000. Du bist vier Jahre alt und tapst durch die Wohnung. Stolz präsentierst du allen dein neues BVB Trikot. Dass es vom BVB ist, bedeutet dir nichts, oder besser gesagt: Noch nichts, denn damals wusstest du noch nicht, dass dieser Verein dir einmal sehr viel bedeuten wird. Du wirst fast jedes Spiel verfolgen – live oder zumindest vor dem Fernsehen – und das BVB-Trikot wird fester Bestandteil deiner Garderobe. Aber damals hat dein Papa es dir und deiner Schwester Laura geschenkt, genauso wie die dazu passenden kleinen schwarz-gelben Fußballschuhe und deswegen findest du es toll. Wo das Trikot abgeblieben ist, wirst du leider nicht mehr rausfinden, aber die Schuhe hast du heute noch.

Was du auch noch nicht weißt: In den nächsten 20 Jahren wirst du so einiges erleben, gute wie schlechte Dinge. Und irgendwie wird Technik immer eine Rolle spielen, mal mehr mal weniger offensichtlich. Durch sie wirst du Liebe und Freundschaft erfahren, aber auch Ausgrenzung erleben. Und deswegen schreibe ich dir, denn es wird oft nicht so kommen wie du denkst, aber das ist nicht schlimm.

Du wirst bald größer werden, für ein Mädchen sogar ziemlich groß. Zum Frühstücks-Müsli wirst du immer Toggolino gucken, bevor es zur Schule geht. Bob, der Baumeister findest du besonders cool, weil er das Gleiche wie dein Papa macht. Und auch nach der Schule läuft der Fernseher zwischen Hausaufgaben und dem Draußenspielen. Erst wirst du deinen Cousins beim Zocken zuschauen, bevor du und deine Schwester eure eigene Konsole bekommt. Viele Abende werden drauf gehen, an denen ihr euch bis spät in die Nacht bei FIFA duelliert oder versucht, Zelda durchzuspielen.

Ansonsten wirst du in Sachen Technik eine Spätzünderin bleiben. Dein erstes Handy schenken dir deine Eltern zum Start der fünften Klasse. Für den Notfall, da du dann nun auf das Gymnasium gehst, in einem Ort, der 15 Mal so groß ist wie dein Heimatdorf. Das Handy hat Tasten, denn sowas wie Touch gibt es noch nicht. Auch Apps gibt es noch keine und du wirst dich jedes Mal erschrecken, wenn du aus Versehen das Internet öffnest. Heute undenkbar, ich weiß.

Auch bei Facebook, Snapchat und Whatsapp wirst du eine der Letzten sein. Vermisst hattest du es bis dahin ehrlich gesagt nie. Aber irgendwann nutzt du die Plattformen doch. Hatten ja schließlich alle. Gegen Instagram wirst du dich allerdings bis Ende 2018 wehren und es dann doch installieren, weil du das Gefühl haben wirst, es wäre sinnvoll für deine berufliche Zukunft. Du hattest Recht. Mittlerweile arbeitest du als Social-Media-Managerin, aber die App ist nun auch fester Bestandteil deines alltäglichen Lebens geworden.

Irgendwann wirst du auf dein Handy schauen und eine Whatsapp-Nachricht von Sarah sehen. Du bist überrascht. Ihr spielt zwar zusammen im Verein Fußball, aber richtig viel habt ihr nicht miteinander zu tun. Sie will deinen Rat, welches BVB-Trikot du am besten findest. Ihr werdet immer öfter schreiben. Erst unregelmäßig, dann täglich. Mit ihr kannst du wunderbar rumblödeln, aber im nächsten Moment kannst du ihr auch dein Herz ausschütten. Zunehmend wird sich eure Freundschaft in der analogen Welt abspielen. Die täglichen Gespräche bei Whatsapp werden aber bis heute fester Bestandteil deines Alltags bleiben. Und ehe du dich versiehst, ist sie deine wichtigste Stütze und deine beste Freundin.

Heute wirst du oft von deinen Freunden belächelt, weil du viel am Handy hängst. Manchmal selbst nachts um drei. „Suchti“, nennen sie dich. „Lass doch mal das Handy liegen“. Und du weißt, gewissermaßen haben sie recht. Du hast einen Zwang ständig erreichbar zu sein.

Dann denkst du an das Jahr 2017 zurück. Es ist der 18. Dezember, der Weihnachtsbaum steht schon. Du stehst im Wohnzimmer, siehst deinen Papa auf dem Boden liegen und Zeitung lesen. Das macht er öfters, aber du spürst in dem Moment: Irgendwas ist anders. Dann läuft dein Papa mit schmerzverzerrtem Gesicht an dir vorbei. Du sitzt im Auto, du sitzt in der Notaufnahme. Nach langem Warten kommt eine Ärztin zu dir und deiner Familie. Sie erzählt irgendwas von einem Herzinfarkt, aber richtig begreifen kannst du die Worte nicht. Du stehst auf und dein Blick streift über die Flure. Stumpf nimmst du ein „Aus dem Weg“ wahr, bevor die Männer mit einem Defibrillator an dir vorbeilaufen. In das Zimmer, in dem dein Papa liegt. Du wartest in der Notaufnahme. Du wartest vor dem OP. Und du wirst ewig lange Nächte mit deiner Mama und deiner Schwester auf der Couch warten, bis er wieder nach Hause kommt.

Beim Warten googelst du viel zum Thema Herzinfarkt. Wie viele Menschen daran sterben und wie hoch das Risiko ist, im ersten Jahr einen Weiteren zu bekommen. Dein Papa wird nach Hause kommen, alles wird wieder gut werden. Allerdings wirst du gerade einmal ein halbes Jahr später zum Studieren von Zuhause ausziehen und immer diese Onlinemeldung im Hinterkopf haben, dass es meist nicht bei nur einem Herzinfarkt bleibt. Du wirst Angst haben, wenn du auf dein Handy schaust. Angst davor, dass wieder jemandem aus deiner Familie so etwas passieren könnte, während du nicht daheim bist. Angst, dass du es nicht mitkriegst, weil du mal kurz dein Handy weggelegt hast. Die Angst wird irgendwann schwächer werden, aber ganz verschwinden wird sie nie. Und du wirst dankbar dafür sein, dass du jederzeit die Stimme deiner Familie hören und sicher gehen kannst, dass es ihnen gut geht.

Irgendwann wirst du in deiner Wohnung in Bonn sitzen und dich alleine fühlen. Flirten ist nicht so dein Ding. Dafür bist du zu schüchtern. Du wirst dir Tinder installieren. Zögern. Es wieder löschen und dann wieder installieren. Du wirst einige Dates haben. Angst davor haben, was ein Creep dir antun könnte und dich ständig fragen, was andere wohl von dir denken werden, wenn du ihnen erzählst, dass du die App jetzt nutzt. Einige Dates sind gut. Andere weniger. Du wirst einen guten Freund und vor allem deine große Liebe finden, mit der du jetzt schon zwei Jahre zusammen bist. Und er wird der netteste Kerl sein, dem du je begegnet bist. Hättest du nicht gedacht? Ich ehrlich gesagt auch nicht. Du wirst Angst haben, deiner Mama die Wahrheit zu erzählen. Doch ihre Antwort wird dich überraschen: „In der heutigen Zeit, würde ich vermutlich auch zum Online Dating greifen.“ Du bist glücklich.

Nun ist 2018. Du hattest gerade ein Fußballspiel und hast drei Tore geschossen. Du bist wahnsinnig stolz, weil du vorher längere Zeit nicht so gut gespielt hast. Du kommst nach Hause und wirfst dich müde aufs Bett. Du schaust auf dein Handy und stutzt. Und liest die Nachrichten in eurer Mannschafts-Whatsapp-Gruppe immer und immer wieder: „80% aus dem Team können dich nicht leiden.“ „Scheiß-Egoist.“ „Ohne dich wäre unser Team besser.“ Dein Herz fühlt sich an, als zerspringt es gleich. Es ist nur die Nachricht einer einzelnen Spielerin. Bis heute verstehst du die Nachricht nicht, denn du hattest eigentlich nie ein Problem mit ihr. Du weißt, was sie schreibt, ist nicht wahr. Trotzdem verletzt sie dich. Zum Glück ergreifen einige Partei für dich. Sie schreiben in die Gruppe, sie schreiben dir privat, sie rufen dich an. Weniger als erhofft, aber deine Freunde sind bei dir. Statt das Handy wegzulegen an diesem Abend, öffnest du deine Galerie und schaust dir Bilder an: Urlaube, Mannschaftsfahrten, Bilder von Menschen, die du liebst. Du lächelst, ziehst dir Kopfhörer auf, machst deine Lieblingsmusik an und blendest alles andere aus. Irgendwann stehst du über der Sache, weil dir klar wird, es gibt wichtigeres als die Meinung einer einzelnen Person. Trotzdem wird es dich eine ganze Zeit lang begleiten.

Für deinen Master wirst du nach Köln ziehen. Du hast dein eigenes Leben und bist eigentlich zufrieden. Eigentlich. Denn deine Familie wohnt 130 Kilometer weg. Bis zu deiner Zwillingsschwester, mit der du dein ganzes Leben verbracht hast, sind es fast 200 Kilometer und du siehst auch nicht wie dein Neffe aufwächst. Manchmal sitzt du auf dem Bett und bist traurig darüber, wie viel du verpasst. Doch durch Bilder und Nachrichten, Anrufe und Skype-Calls hast du zumindest teilweise das Gefühl an ihren Leben teilhaben zu können und dass macht dich etwas weniger traurig.

Manchmal wirst du auch stolz sein, wenn du auf dein Handy schaust. Immer dann, wenn du ein neues „Gefällt mir“ siehst. Nicht für irgendein Essensbild, sondern für deinen Online-Blog „Fan von DIR“. Du wirst ihn mit einer Freundin gründen und es wird um die Stärkung von Frauen im Sport gehen. Dass du irgendwann mal einen Blog gründen wirst und dann auch noch über ein feministisches Thema, kommt dir jetzt noch komisch vor. Wird es dir auch noch mit 20 Jahren, weil dir Rollenbilder nie wirklich wichtig waren. Du hast Fußball gespielt, Kampfsport gemacht und fandst blau immer besser als rosa. Findest du noch heute. Doch irgendwann wird dich ein Verantwortlicher eines Profi-Fußballteams in einem Vorstellungsgespräch fragen, ob es dich stört, wenn du öfters frauenfeindliche Kommentare auf der Arbeit hören wirst. Einige Kollegen sind nämlich überzeugt, dass Frauen und Fußball nicht zusammengehören. Als dann noch eine Rednerin bei einem Karrieregespräch ebenfalls sagt, dass Frauen gar nicht erst versuchen sollten, im Fußball zu arbeiten, weil dass nur was für Männer ist, reicht es dir. Du möchtest etwas ändern und das Internet wird dein Sprachrohr.

Während du das schreibst, sitzt du im Zug. Zufrieden wirst du gleich deinen Laptop zuklappen und ihn wegpacken. Du schaust auf dein Handy und lächelst über die Nachricht auf deinem Display. Deine Mama hat gerade GIFs für sich entdeckt. Dann ziehst du die Känguru-Chroniken aus deinem Rucksack und schlägst es beim Lesezeichen auf. Nicht alle Dinge sind nämlich digital besser, vergiss das nie.

Voller Hoffnung im Herzen

Deine Lisa aus der Zukunft

 

Beitragsfoto: Lisa Steffney

Lisa Steffny
Lisa Steffny
redakteur22@wirklichwahr.org

Lisa Steffney war Teil der wirklich\\wahr-Redaktion "\\digital" im Herbst 2019 & "\\corona" im Frühjahr / Sommer 2020.

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