Schneckenhaus-Zuhause

Dank Internet lassen sich viele Berufe von überall auf der Welt ausführen. Das hat eine neue Subkultur ermöglicht: Das digitale Nomadentum. Menschen geben Haus oder Wohnung auf und ziehen alle paar Wochen an einen anderen Arbeitsplatz, rund um die Welt. Wir haben eine angehende Nomadin bei der Vorbereitung für ihren Aufbruch begleitet.

Eine ruhige Seitenstraße in der Altstadt von Köln. Das Hupen der Großstadt ist kaum zu hören. Etwa ein Dutzend Autos, geparkt auf der rechten Straßenseite – auch Malenas Kleinbus. Seit September baut sie ihn um. Ab Sommer 2020 will sie unterwegs sein.

Malena ist eine „digitale Nomadin“. Digitale Nomaden – so nennen sich Menschen, deren Arbeit durch Digitalisierung nicht an einen Ort gebunden ist. Sie studierte Design, arbeitete in Kapstadt, verbringt seit einigen Jahren ihre Winter dort oder in Brasilien. Aber das reicht ihr nicht. Sie will in ihrem Bulli umherreisen und von unterwegs arbeiten. Über die Grenzen Deutschlands, ihrer Wohnung, ihrer Stadt und ihres W-Lan Netzwerks hinaus. Was treibt Menschen wie Malena an? Wonach sind sie auf der Suche?

Eine Woche zuvor lädt sie mich per Telefongespräch ein in ihre Wohnung zu kommen. Heute, an einem Sonntagnachmittag im November, wünscht mir ihre Fußmatte zur Begrüßung eine gute Reise. Später am Abend wird Malena mich mit einem „Komm, lass dich drücken“ und einer Umarmung verabschieden. Die 29-Jährige öffnet mir in Jeans und einem locker sitzenden Shirt. „Meine Unterstützung für den Bau am Bulli musste kurzfristig absagen. Heute bin ich nicht dazu gekommen, daran zu arbeiten“. Malena zuckt die Schultern. Kaffee? Kuhmilch hat sie nicht, der Zucker ist leer. Dankend nehme ich Hafermilch entgegen.

Einer ihrer Freunde aus Berlin hatte mich auf sie aufmerksam gemacht, ich fand ihn durch Instagram. Jetzt sitzt sie vor mir und erzählt von ihrem Projekt:  Das erste Ziel: Skandinavien. Von dort aus weiter durch Europa. Wie lange genau ist noch unklar, sie möchte spontan planen und flexibel bleiben – unterwegs sein. „ Schneckenhausmäßig“, beschreibt sie den Lebensstil, den sie verfolgen will. Ihre Stimme ist jetzt sanft und vorsichtig, forsch oder zackig war sie vorher nicht, aber eher locker, entspannt, ungezwungen. „Es ist einfach eine andere Art von Rückzugsort unterwegs, wenn du dein eigenes kleines zu Hause hast. Das ist das ultimative Gefühl von Freiheit.“

Aufbruch und Freiheit. Zwei Worte, die ich in letzter Zeit oft gehört habe. Mit fünf digitalen Nomaden habe ich per „Zoom“, einem Service für Webkonferenzen, gesprochen. Fünf Geschichten habe ich kennengelernt. Adrian, zum Beispiel, ist Designer und Fotograf. Wohnungen mietet er an verschiedenen Orten der Welt, immer möbliert und für ein paar Monate. Dort arbeitet er, je nach Auftragslage. Danach zieht er weiter. Ganz anders reisen Eva, Jan und der sieben Monate alte Luis: Anfangs zu Fuß unterwegs, unterstützen und verbreiten sie inzwischen zu dritt und auf Rädern soziale Projekte in Europa. Arbeit und Studium laufen parallel dazu – dank Internetzugriff – von unterwegs.

Ungebunden sein ist unsere Idee von Freiheit. Freiheit das große Projekt der Moderne, das Ideal unserer Zeit. Aber da ist auch eine andere Seite von Freiheit: Verzweiflung, Orientierungs- und Sinnlosigkeit. Wir haben mehr Möglichkeiten als jemals zuvor. Und doch mehr Angst vor Verpflichtungen als jemals zuvor. Wir müssen nichts mehr beweisen, nichts mehr erkämpfen. Wie können scheinbar immer und überall sein, alles ist nah. Wo aber finden wir unseren Platz, wenn der überall sein kann?

Malena grinst, als ich sie frage, warum sie eine Digital-Nomadin werden will. „Den Moment habe ich regelmäßig.“ Beispiele? „Sachen, die die deutsche Mentalität mitbringt. Dass alle sehr gestresst sind und Dinge sehr negativ sehen. Sich über Sachen aufregen, die nicht wirklich schlimm sind.“ Ihre glatten blonden Haare wippen während sie spricht.

Nach ihrem Bachelor hat sie ein halbes Jahr in Kapstadt gearbeitet, 7 Jahre ist das jetzt her. „Die ganze Welt sagt dir ‚Nee, du musst jetzt erwachsen werden, Malena, das ist jetzt so. Ist jetzt vorbei mit Freizeit.‘“ Schmunzeln. Kurze Pause. „Bin dann in eine kleine Sinnkrise gerutscht damals. Wusste überhaupt nicht, was ich machen will.“ Sonst so ruhig, spricht sie nun eilig und irgendwie etwas rastlos über diese Phase. Eine Phase der Veränderung. Erste Kontakte mit Ortsunabhängigen entstanden durch eine Konferenz, in der die Teilnehmer „ermutigt werden, ihren eigenen Weg zu gehen. Welcher auch immer das ist.“ Gleichgesinnte, von denen manche ihr Leben bereits geändert haben. Sie lernt unter Anderem Johannes kennen,  der ist Gründer einer Kreuzfahrt für digitale Nomaden.

Foto: Malena Harig

Malena baute ihr Fundament zur Selbstständigkeit aus Berufserfahrung und „Skills“, die sie sich angeeignet hat. Nicht zu vergessen aber auch Zweifel, die sie hatte. „Wer bin ich denn schon? Ich stehe noch ganz am Anfang.“ Angst und Neugierde vor dem Unbekannten. Und dann ist da das Risiko der Einsamkeit. „Ich glaube, das Gefühl von Alleinsein, das kommt durchaus auf. Das gehört auch dazu. Zu lernen, damit umzugehen.“

Einer ihrer Freunde reiste allein nach Australien, arbeitete frei, besuchte eindrucksvolle Orte und erlebte tolle Dinge. Nach wenigen Monaten kehrte er niedergeschlagen zurück. Geschichten wie seine hört man häufiger, spricht man mit Heranwachsenden, die auszogen, die Welt zu erobern.

Wir sind Generation „Y“. Generation „Why“. Und Generation „Maybe“. Es heißt, wir sind egoistisch, anspruchsvoll, faul, impulsiv, ungeduldig und doch irgendwie willenlos. Wir hinterfragen und wir kritisieren, wollen gesehen werden und uns selbst verwirklichen. Wir wollen für uns das Beste rausholen. Wie das aussieht? Wissen wir nicht. Deshalb sind wir auf der Suche. Wonach? Wissen wir nicht. Haben wir das Glücklichsein verlernt im Nebel des ständig Möglichen?

Kein Wunder, dass wir zerrissen sind. Wir blühen auf in der Welt, in der wir auf Instagram allen Freunden und Nicht-Freunden beweisen können, wie das perfekte Leben aussieht. Dass die Realität weit weg ist davon? Unwichtig. Aber genauso gut kennen wir die Zeiten davor: Als ich klein war, machte ich mir keine Gedanken darüber, welches der 45647 Urlaubsbilder wohl am meisten Likes bekommt, sondern, ob mein Vater gerade telefoniert und ich deshalb das Analog-Modem nicht unter krachen und krächzen mit dem Internet verbinden konnte. Auf dem Handy aus Versehen die falsche Taste gedrückt? Zack, Willkommen im Vodafone-Store. Fünf Euro weniger auf meiner Prepaid-Karte.

Langfristige Entscheidungen setzen wir gleich mit Begrenzungen: sie machen uns Angst.

An jedem Ort ein neues Umfeld aufbauen ein Abenteuer. An jedem Ort unbekannte Nuancen seiner selbst entdecken eine Chance. An jeden Ort den Anspruch stellen, die absolute Verkörperung von Glück zu sein ein Problem?

Viele sind nach Jahren des Reisens auf der Suche nach einem festen Wohnsitz. Malena hat Verständnis: „Weil es anstrengend ist, sich alle zwei, drei Monate irgendwo einen neuen Lebensmittelpunkt aufzubauen. Neue Freunde zu suchen. Aber auch viel arbeiten zu müssen.“

Was oft untergeht: Digitaler Nomade zu sein bedeutet nicht nur Reisen, Spaß und gute Laune.

„Eine Zeitlang hatte ich damit zu kämpfen, dass man zwei Leben lebt. Man hat einen richtigen cut, als ob man eine Zeitreise zurück macht. Und in Deutschland hat sich nicht viel verändert.“, sie stockt. Dieses Jahr haben sich ihre beiden Leben vermischt: Menschen, die sie auf Reisen kennenlernte, konnte sie auch „zu Hause“ in Deutschland treffen. Malena lacht. „Das klingt irgendwie ein bisschen komisch, aber es ist schön, wenn das gefühlt alles mehr Eins wird.“

Dann gibt es noch diejenigen, die genau das nicht wollen. Die sich nur in dem einen Leben verwirklicht sehen. Und eingeengt in dem anderen Leben. Abenteuer und Alltag – zwei Gegensätze, die sich doch irgendwie gegenseitig bedingen. Existiert das eine nicht, erleben wir das andere nicht. Eine Flucht vor dem, dessen Konfrontation „zu Hause“ wartet. Weglaufen ist so einfach.

Wir sprechen auch über Freundschaften, die noch nach Jahren bestehen. Und solche, die es nicht tun. Viele ihrer Freundschaften sind zerbrochen, ein paar enge sind geblieben. Mit ihnen trifft sie sich nur ein paar Mal im Jahr, unter ihnen hat sie ein Gefühl von Heimat.

„Die, die am meisten gegen schießen oder Punkte finden, warum es nicht funktioniert, sind aber auch die, die es irgendwo selbst gerne machen würden. Sich aber nicht trauen.“ Andere Freunde raten ihr, doch „langsam mal anzufangen, zu arbeiten.“

Ihre Wohnung in Köln? „Ich bin nicht bereit, meinen Wohnsitz aufzulösen. Das hieße auch, Freundschaften hier aufzugeben. Mehr oder weniger. Und da sind mir ein paar Leute zu sehr ans Herz gewachsen.“ Ihr Blick streift meine Schulter und für einen Moment verweilt sie in Gedanken. Freundschaften sind auch auf Reisen entstanden, aber „so richtig langjährige Freundschaften, die man hier hat, ersetzt das nicht.“

Foto: Malena Harig

Ihre Eltern, sagt sie, würden sich mehr wundern, wenn sie fest angestellt geblieben und ihr Leben lang im Büro sitzen würde. Beim Sprechen zeichnet sich ein Grübchen an der rechten Seite von Malenas Mund ab.

Seit Kindheitstagen dieser Drang nach Erlebnissen in fremden Umgebungen. Sich außerdem persönlich entwickeln, fern vom gewohnten Umfeld. Dort, wo sie sich besser kennen lernen und wachsen kann.

Sie erzählt mir von Naturphänomenen und Katastrophen, die sie miterlebt hat. Von Waldbränden und anderen Dingen, die sie geprägt haben. „Das macht einen dankbarer. Und man hinterfragt auch viel: ‚Wie lebe ich hier? Muss das so sein? Was kann ich mir von Anderen abgucken und lernen?‘

Dort wo Risiko ist, ist auch ganz viel Mut. Im Dunst der Ungewiss- und Unentschiedenheit einen Schritt zu gehen, etwas zu wagen. Sich zu trauen und nicht nur äußere Umstände, sondern auch innere Umstände zu hinterfragen: sich selbst.

Die Arbeit vergisst Malena dabei nicht. „Man braucht eine Menge Selbstdisziplin“, sagt sie grinsend. Die sie nach eigener Aussage noch nicht immer besitzt.

Wie steht es um das Thema Liebe? Das Reisen aufzugeben ist für sie keine Lösung auf Dauer: „Temporär machst du das. Aber dann verleugnest du auch einen Teil von dir, der dich ausmacht und der dir wichtig ist.“ Malena runzelt die Stirn. Wenn einer reist, sagt sie, und der andere nicht, entwickelt sich eine Seite sehr viel weiter und die andere stagniert. Zukunftsplanung? Sie schmunzelt. „Ich glaub, die habe ich gar nicht so richtig. Der Wunsch, der bei mir in den letzten Jahren entstanden ist, ist frei entscheiden zu können, wann ich wo sein möchte.“ Dabei gehören Kompromisse für sie dazu. „Wenn man es schafft, dass beide ihre Leidenschaften leben können und die auch noch teilen. Ich kann mir doch nichts Schöneres vorstellen. Die Vorstellung finde ich unfassbar toll.“

Und Sicherheit? „Ich glaube, jeder hat so ein bisschen das Streben nach Sicherheit. Aber ich habe Vertrauen. Was ist das Schlimmste, was passiert?“ Malena lehnt sich zurück und schaut mich an. „Ich weiß, dass ich genug Berufserfahrung gesammelt habe, um jeder Zeit wieder in Festanstellung gehen zu können“.

Adrian, einer ihrer Freunde aus Berlin, hat seinen Besitz minimiert. Sein Reisegepäck beschränkt sich auf einen Koffer, 10 T-Shirts, 3 Hosen. Viel Ballast bei sich haben will er nicht.

Minimalismus, fast schon eine Art Askese, als die vielleicht letzte übriggebliebene Art der Rebellion gegen unsere Überflussgesellschaft? Oder Befreiung von dem, was uns so unterschwellig als Lebensnotwendigkeit vermittelt wird: Besitzt du viel, geht es dir gut.

Ich hake nach: „Was brauchst du denn dann?“ „Die Flucht aus dem Alltag hier. In einen Ort, an dem ich meine anderen Leidenschaften mehr leben kann.“

Während wir in der Dämmerung durch Kölns Innenstadt schlendern, erzählt mir Malena von einer Frau, die das Singen liebte, darin aber untalentiert war. Sie nahm Gesangsstunden und präsentierte das Ergebnis bei einer Jam Session auf der Kreuzfahrt für digitale Nomaden.  Sie schwärmt: „Mit genug Hingabe und Übung kannst du alles schaffen. Hast du Talent, musst du eben nur ein bisschen weniger dafür üben.“ Malena lacht und sagt, sie würde gerne einmal in einer Karaoke-Bar gehen. Aber da hätte sie Angst, vor allen Leuten singen zu müssen. Schon komisch. Eine Frau, die ihre Sachen packt um alleine im Kleinbus um die Welt zu ziehen, hat Angst vor einer Karaoke-Bühne.

Ursprünglich war es mein Plan, einen Tag im Leben eines digitalen Nomaden zu zeigen. Jetzt, drei Wochen, viele Gespräche mit Digitalnomaden und einige Erkenntnisse über das Leben und mich selbst später, sitze ich am Schreibtisch meines WG-Zimmers und schreibe. Aus den Augenwinkeln kann ich die Lichter der Autos vor meinem Fenster sehen. Hupen. Was würde ich dafür geben, jetzt an einem Strand zu liegen und die Sonne zu genießen…

Auch wenn ich – wie viele – nicht weiß, wohin genau mein Weg führen wird, habe ich doch eins gelernt: Die Suche nach Freiheit, Glück, Zufriedenheit hat kein Ende. Es ist ein Prozess, eine Reise. und die sieht bei jedem Menschen anders aus. Welche Kontinente, Länder oder vielleicht auch nur Städte man kennenlernen muss, um bei sich anzukommen? Vielleicht sollten wir öfter etwas ganz anderes wagen: Eine Verpflichtung eingehen. Zwischen all den möglichen Wegen einen ehrlich voll und ganz ausprobieren. Wenn es nicht klappt, an der nächsten Kreuzung eine andere Abzweigung nehmen. Sich selbst zuhören und ernst nehmen. Weiterschreiten statt flüchten. Entscheiden. Und dann: Machen.

Beitragsfoto: Malena Harig

Klara Hofmann
Klara Hofmann
redakteur15@wirklichwahr.org
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