Foto: Sofie Woldrich

Talking (a)bout my Generation

Ich mache viel am Computer, also höre ich auch viel Musik darüber. Ich stelle mir dann eine Playlist zusammen oder haue ein neues Album rein und dann arbeite ich nebenher. Ich gebe zu, ich bin ein Internet-Pirat. Ich lade Sachen einfach runter. Man kann es jetzt moralisch sehen. Ich selbst sage, wenn eine Band was released und es landet im Internet, dann downloade ich es. So denke ich auch über unsere Musik: Wenn die auf irgendeine Weise im Internet landet und runtergeladen wird, denke ich, ja klar, ich habe vielleicht auch deine Band runtergeladen. Das ist so der musikalische Kommunismus. Gegründet haben wir uns, als wir alle zufällig gemeinsam auf Das Fest 2010 waren, damals spielte eine amerikanische Post-Rock-Band. Ich kannte die meisten von uns schon vom Sehen. Nach dem Konzert kam unser jetziger Gitarrist auf mich zu und meinte, dass das doch geil gewesen sei und wir sowas mal selbst machen sollten. Heute haben wir 350 monatliche Hörer und 2.000 Likes. Das kam etwas überraschend. Wir investieren eigentlich fast nichts in Spotify, haben da einmal die Alben hochgeladen und seitdem ist das irgendwie ein Selbstläufer. Immer wieder mal steckt uns jemand in eine Playlist – „Postrock Germany“ oder sowas – das hilft natürlich.

Bei Facebook geben wir uns etwas mehr Mühe, pushen ab und zu Beiträge oder schalten bezahlte Anzeigen. Das Internet ist glaube ich schon wichtig, um bekannt zu werden. Facebook, YouTube, Spotify etc. sorgen automatisch für eine gewisse Reichweite, global betrachtet. Das merken wir, wenn unter einem Video ein Kommentar auf Russisch steht: „Kommt mal zu uns!“ Ist natürlich schön, so etwas zu lesen. Es heißt, jeder Mensch kennt jeden über ein paar Ecken und es kann schnell passieren, dass jemand aus Japan deine Musik hört. Das ist dann schon ein Erfolgsgefühl. Aber das Direkte, dass man etwas Umsatz macht und unterwegs ist, passiert über Konzerte viel mehr. Auch der Umgang mit den Fans unterscheidet sich. Über unsere Texte können wir gut vermitteln, was einen bewegt, was einem auf der Seele lastet. Damit beschäftigen sich die Leute online und fragen, was das für ein Zitat ist oder was wir damit zum Ausdruck bringen möchten. Bei Konzerten kommt man eher auf natürliche Weise ins Gespräch. Daher, glaube ich, ist da die Person auch relevant, während online die Musik deutlich bedeutender ist. Ich mache die ganzen grafischen Sachen bei uns. Ein bisschen guckt man sich das von anderen ab. Angefangen beim Schriftzug über das Cover Art bis zu den Fotos. Man hat im Hinterkopf, etwas zu nehmen, das unseren Hörern gefällt, dass sie sich auch mit der Erlebniswelt, die wir erschaffen, verbinden können und sehen, dass es ähnlich aussieht wie das Design einer anderen Band in dem Bereich.

Mir macht die Arbeit live mehr Spaß, als die im Studio. Die Arbeit im Studio ist sehr intensiv und eher wie eine Fortbildung. Die Touren sind eher ein bisschen wie Urlaub. Wenn man mit seinen Kumpels im Bus rumfährt, Quatsch macht und dann abends die direkte Reaktion zu seiner Arbeit erhält. Das ist dann eigentlich viel wertvoller, als sich im Studio zu verbarrikadieren und an etwas tagelang zu arbeiten, um es danach hochzuladen oder auf CD zu brennen.

Wir haben auch schon Konzerte gespielt, wo fünf Leute da waren. Aber wenn die fünf wirklich interessiert waren, hat es einem fast mehr gegeben als 1.000 Klicks. Online kannst du einfach nicht beurteilen, ob die Person gleich weitergeklickt oder es sich komplett angehört hat. Ich glaube, das ist so ein psychologisches Ding, wie auch in den Nachrichten. Es ist nun mal ein Unterschied, ob jemand in Australien stirbt oder in deiner Stadt. Ich glaube, so ähnlich ist das mit Konzerten, wenn ich mich mit den Besuchern austausche und die mir sagen: „mega geil“. Das ist etwas anderes, wie wenn ich einfach eine Zahl sehe. Alfi ist Bassist der Postrock-Band Watered. Er ist 29, kommt aus Moskau und lebt seit 20 Jahren in Karlsruhe.

Foto: privat

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Ich habe erst vor zwei, drei Jahren mit der Musik angefangen. Damals hatte ich schon gute Ideen, aber ich kannte mich mit der Technik nicht aus. Ich habe dann mit meinem Handy aufgenommen, die Umsetzung war dadurch echt schlecht. Mittlerweile nutze ich Ableton Live, das ist ein professionelles Musikprogramm, das ich auf meinem MacBook installiert habe. Ich schließe mein Mikrofon über ein Audiointerface an und nehme dann erst einmal die Vocals und die Gitarre auf. Über ein Midiboard, das man sich wie ein kleines Keyboard vorstellen kann, und ein Launchpad spiele ich virtuell Instrumente und Effekte ein. Ein Schlagzeug zum Beispiel. Dabei muss man aber darauf achten, dass die Töne nicht zu perfekt im Takt liegen, sonst wirkt das schnell undynamisch. Das passiert digital sehr schnell und in der Realität so gut wie nie. In einer Band zu spielen kommt für mich nicht infrage. Ich habe hin und wieder Kollaborationen, aber das muss dann echt passen. Als Solokünstler ist man ungebunden und kann an seinem eigenen Ding arbeiten. Außerdem hätte ich zu sehr Angst, dass ich inmitten eines Projekts alleingelassen werde. Für meine Uploads nutze ich SoundCloud und YouTube. SoundCloud ist am einfachsten und schnellsten. Auf YouTube dauert es schon mal vier Stunden. SoundCloud ist auch am billigsten, aber ich fühle mich da nicht richtig wohl.

Da ist eher Rap und Trap vertreten und es ist ziemlich ausgestorben. YouTube passt für mein Genre besser, außerdem spielen die Visuals für mich eine enorme Rolle. Ich habe zu meinen Tracks eigentlich immer eine Story im Kopf, irgendein Gefühl, das ich zu vermitteln versuche. Die Leute wollen Identität, sie wollen etwas von dir mitbekommen. Das geht auf SoundCloud nicht. Spotify habe ich überlegt, aber dafür ist meine Aufnahmequalität nicht gut genug. Außerdem kostet das mehr. Zum Hören nutze ich es dafür sehr viel. Ich mag unkonventionelle Sachen, also kein Mainstream-Zeug, was so in den Charts ist, wo sich alles gleich anhört. Viele kleine Künstler, Musik bei der ich denke, sie ist anders. Die sind meist auf YouTube stärker vertreten und unterwegs habe ich kein Spotify. Live kann man viel programmieren, aber es ist auch viel Impro, gerade mit Gitarre. Ich produziere nur eine Bassline und den Drum Beat, weil der sonst echt aufwendig ist. Darunter leidet die Flexibilität, die live für mich besonders macht. Die Strukturen sind dann vorgeschri-ben, aber es ist deutlich mehr als Playback. Auf Instagram bin ich am meisten unterwegs, deswegen bekomme ich da auch das stärkste Feedback. Da knüpft man auch am schnellsten neue Kontakte. Manche Leute finden mich über mein Kunstprofil und kommen darüber auf mein Personenprofil. Letztens kam jemand aus Australien auf mich zu, fand meine Kunst cool und hat sich dann meine Musik angeguckt. Wenn du dann daran arbeitest, guten Content zu veröffentlichen, ist die Wahrscheinlichkeit auch viel höher, dass du angeschrieben wirst. Und dann kommt man ins Gespräch. Außerdem ist es Etikette, dass wenn dir jemand folgt, du auch ihm folgst. Da ergeben sich ganz schnell Netzwerke. Meinen Feed fülle ich einfach mit irgendwelchen Ideen. Die fallen mir auf dem Klo oder beim Duschen ein. Ich chille immer in der leeren Badewanne, da habe ich auch schon viele Lyrics entwickelt. Das Bad ist irgendwie mein kreativer Ort. Man muss sich halt darüber klar sein, dass Instagram ursprünglich eine Fotoplattform gewesen ist, da steht die Person im Vordergrund. Viele kommen erst später oder gar nicht auf meine Musik. Aber ich bekomme insgesamt eigentlich echt viel positive Rückmeldungen, das ist sehr sehr cool. Ich versuche immer innovativ zu sein, versuche neue Technologien zu verbinden mit Kreativität. Viel mit Licht zum Beispiel, ich mag es Leute zu verblüffen. Dass sie nicht checken, wie man es kreiert hat, das mag ich. Die 23-jährige Solokünstlerin Sarah alias Miss Needle wohnt in Stuttgart. Sie beschreibt ihre Musik als eine Mischung aus Dark Ambience, Elektro und Pop.

Sofie Woldrich
Sofie Woldrich
redakteur19@wirklichwahr.org

Zoe war Teil der wirklich\\wahr-Redaktionen "\\digital" im Herbst 2019 sowie "\\corona" im Frühjahr / Sommer 2020.

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