Touchscreen statt Tageslichtschreiber

Die Bundesregierung gibt Milliarden für die Digitalisierung an Schulen aus. Unser Autor ist auf einer Vorreiter-Schule in Sachen digitales Lernen, früher war er das nicht. Wo lernt man besser?

Wenn es nach der Bundesregierung geht, soll durch Deutschlands Schulen eine Art Bildungsrevolution gehen. Seit Mai 2019 ist der Digitalpakt Schule in Kraft. Insgesamt fünf Milliarden Euro wollen Bund und Länder in den kommenden Jahren den Schulen zur Verfügung stellen. Damit soll der Unterricht digitaler, vor allem aber besser werden. Es soll mehr WLAN in den Schulen geben, Lernplattformen im Internet, Tablets statt Schulbücher.

Doch es gibt auch Wissenschaftler, wie der Bildungsforscher John Hattie etwa, die sagen Digitalisierung sei überschätzt. Hattie argumentiert, es brauche keine Digitalisierung als Selbstzweck. Es komme vielmehr auf die Denkweise des Lehrers an und wie er seinen Unterricht durchführt. Digitale Medien könnten allenfalls Ergänzung sein.

Als ich von dem Digitalpakt hörte, dachte ich an meine bisherige Schulzeit. Ich war bis zur neunten Klasse auf einer öffentlichen Schule, wo Digitalisierung nur ein Thema von vielen war. Später bin ich auf eine Privatschule gewechselt, die sich selbst als digitaler Vorreiter sieht. Ich stellte mir die Frage: Kann man digital eigentlich besser lernen?

In meiner neuen Schule in Koblenz gibt es mehrere Computerräume, ausgestattet mit modernster Technik. In den Klassenzimmern hängen zwar noch Kreidetafeln, aber wir können auch Beamer benutzen. Viele meiner Lehrer kommen mit dem Tablet in die Klasse, verbinden es drahtlos mit dem Beamer an der Decke und beginnen den Unterricht. Für alles außerhalb des Klassenzimmers gibt es eine Lernplattform im Internet. Das sieht dann zum Beispiel so aus: Meine Religionslehrerin stellt in dieser Lernplattform eine Aufgabe ein, wir sollen zu einem Arbeitsblatt online Stellung beziehen. Man kann aber auch auf einem Blatt Papier schreiben und es als PDF oder Foto hochladen. Auf der Plattform kann ich meine Prüfungstermine sehen und welche Aufgaben ich noch erledigen muss.

Foto: Aaron Schröder

Mir erleichtert das die Arbeit und das Lernen. Mit wenigen Klicks kann ich auf alle wichtigen Informationen zugreifen. Wenn ich krank bin, finde ich alles auf der Lernplattform. Meine Schultasche ist jetzt viel leichter. Jeden Tag schleppen Schüler in Deutschland durschnittlich 10 Kilogramm an Büchern in die Schule. Ich habe nur meinen Ordner dabei und ab und zu Bücher für die Hauptfächer.

An meiner alten Schule im Westerwald gab es weniger technische Geräte – aber ganz analog waren wir nicht unterwegs. Es gab Smartboards in den Klassenzimmern, interaktive Tafeln, bei denen ein Beamer das Bild auf eine weiße Fläche projiziert. Wirklich benutzt hat das aber niemand, die Lehrer schrieben ihre Einträge meistens auf die Whiteboards, die wie Flügel rechts und links an dem Smartboard angeschraubt waren. Auch die Technik funktionierte oft nicht, manchmal war der Beamer verdreckt oder der Stift musste neu kalibriert werden.

Kai Liebe, der Schulleiter meiner alten Schule, bezeichnet die Smartboards heute als „guten Einstieg“, sie seien jedoch längst überholt. Bei einem Besuch an meiner alten Schule führt mich Liebe durch die Klassenräume der Zukunft. Wo früher grüne Tafeln standen, stehen heute riesige Bildschirme. Mit einem Stift kann man einfach darauf schreiben, die Panels sind viel präziser als die Smartboards. Panels statt Tafelgrün und Kreideweiß – es wirkt, als sei das der ganze Stolz seiner Schule.

Liebe glaubt an die Digitalisierung und ist offen für neue Technologien. „Da geh ich mit der Zukunft“, sagt er. Aber er sieht ein zentrales Problem: Das Vertrauen. Als ich vor einem Jahr noch an der Schule war, waren Handys zwar eigentlich verboten aber wir durften sie oft trotzdem benutzen. Damit ist es jetzt Schluss. Es habe Fälle von Cybermobbing gegeben, so Liebe. Er will WLAN in der Schule installieren, aber vorerst nur für das Kollegium. Er befürchtet, dass die Schüler das ausnutzen würden, etwa für illegale Downloads.

An meiner jetzigen Schule in Koblenz gibt es ab der Unterstufe Ipad-Klassen. Die Ipads sind mit dem schulischen WLAN verbunden, allerdings können die Schüler keine Apps herunterladen und die Zugriffe für spezielle Websites sind gesperrt – jeder Schritt des Schülers ist genau nachvollziehbar.

Viele Lehrer setzen digitale Medien sinnvoll ein, aber längst nicht alle. Oft müssen wir Schüler aushelfen, wenn die Lehrer ihre Ipads nicht mit dem Beamer verbinden können. An meiner alten Schule war das ähnlich. Ich kann mich an eine Lehrerin erinnern die sich von uns immer das Smartboard hat anmachen lassen. „Viele Kollegen sind nach wie vor skeptisch“, sagt Liebe, auch nach 10 Jahren Smartboard. Es gebe motivierte Kollegen aber viele seien auch überfordert. Diesen Eindruck teile ich, ich habe ihn auch bei meiner neuen Schule.

In Klassenzimmern beider Schulen gibt es noch ein Relikt aus alten Zeiten, es wirkt ein bisschen wie aus dem Museum: die Overheadprojektoren. An meiner alten Schule wurden diese noch häufiger benutzt als an meiner neuen. Es gibt Ipad´s, Beamer, Smartboards und Dokumentenkameras also wofür brauchen wir die Dinger noch?

Mir scheint, bei all der Digitalisierung in der Schule haben die „Digital Immigrants“ unter den Lehrern noch ein zweites Relikt zum Rückzug aus der digitalen Welt – das Klassenbuch.

Beide Schulen setzen noch auf die bewährte Papierform. Das ist wohl auch ein Entgegenkommen an die Lehrer die sich mit der Technik eines digitalen Klassenraums nicht vertraut machen wollen. Kai Liebe betont das so: „Ich denke das wäre schon ein ziemlich großer Schritt, wo dann auch wirklich alle Kollegen mitziehen müssen“.

Meine alte Schule im Westerwald erhält im Zuge des Digitalpakts im kommenden Jahr 180.000 €. Ein Teil davon geht für das WLAN drauf. Ich finde, man sollte diese Summe auch in Fort-und Weiterbildungen investieren  – für Lehrer und Schüler. Liebe macht deutlich: Um das gebrochene Vertrauensverhältnis wiederherzustellen, müssen Schüler den richtigen Umgang mit digitalen Medien lernen. Sie müssen verstehen, sie richtig für sich zu nutzen. Das braucht Zeit und vor allem geschultes Personal.

Im Westerwald startet man gerade ein Experiment: Lehrer produzieren mit Schülern Erklärvideos. Das Prinzip ist einfach – Schüler präsentieren anderen Schülern ihr Wissen über ein Video, das auch zu Hause abgerufen werden kann. Auch Lehrer können solche Videos aufnehmen. Die Lehrer werden so eher zu Lernbegleitern.

In einer kürzlich erschienenen Studie benoten 5.000 Schulleiter die digitale Ausstattung ihrer Schule im Durchschnitt mit einer Drei Minus. Kai Liebe sieht seine Schule mit einer glatten Zwei auf einem guten Weg. Ich habe auch die Schulleitung meiner neuen, digitalen Schule nach einer Note gefragt. Der stellvertretende Schulleiter gab eine glatte Eins.

Aaron Schröder
Aaron Schröder
redakteur25@wirklichwahr.org
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