Unsichtbare Strahlen

Unsere Autorin hielt Mobilfunk-Gegner bisher für Spinner. Dann ging sie zu einem Infoabend und entdeckte, dass viele ihrer Sorgen wissenschaftlich belegbar sind. Doch auch diejenigen, die den Mobilfunk für ungefährlich halten, führen Studien an – zum Teil sind es dieselben.

Irgendwo in Nürnberg steige ich orientierungslos aus der U-Bahn und schaue als erstes auf mein Handy. Hier in der Nähe muss Vischers Kulturladen sein. Kein Problem, dafür gibt es Google Maps. Links abbiegen, eine Straße überqueren, noch drei Minuten laufen, zeigt mein Handy an. Daten fliegen vom Funkmast durch die Luft zu meinem Handy und wieder zurück. Ein Problem habe ich darin bisher nie gesehen. Doch die, die ich gleich treffen werde, sehen das ganz anders.

Einmal im Monat trifft sich die Bürgerinitiative „Mobilfunksmog Franken“ in Nürnberg in dem Kulturladen. Die Zahl der Interessierten ist schwankend, erzählt mir Frank Stryz, der Vorsitzende des Arbeitskreises. Er ist der Erste bei dem Treffen, seit Jahren beschäftigt er sich mit dem Thema. Sofort bekomme ich eine Menge Infomaterial in die Hand gedrückt. Ich merke, ich soll heute überzeugt werden. Den Arbeitskreis gibt es schon seit 2001, doch durch die Medienberichte rund um 5G seien in letzter Zeit öfter neue Interessierte dazugestoßen, sagt Stryz. Heute sind es sieben Teilnehmer, sie eint die Sorge um gesundheitliche Folgen der elektromagnetischen Strahlung, die uns täglich umgibt. Die Dauerbelastung mit Mobilfunk, WLAN und anderen hochfrequenten elektromagnetischen Feldern verursache Schlafstörungen, Stress, Unfruchtbarkeit und indirekt auch Krebs, behaupten sie.

Stimmen, die Mobilfunk für schädlich halten, habe ich bisher als Spinnereien abgetan, für Esoterik oder Verschwörungstheorien gehalten. Vor dem Treffen habe ich mich informiert. Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) teilt mit: Im Grunde gibt es kein Problem. „Bislang gibt es keine wissenschaftlich bestätigten Belege für einen ursächlichen Zusammenhang zwischen den bei der Mobilfunknutzung entstehenden elektromagnetischen Feldern und Erkrankungen beim Menschen“, schreibt mir Nicole Meßmer, Pressereferentin des BfS.

Die kleine Infoveranstaltung wirkt wie ein Stammtisch mit einem etwas speziellen Thema. Rund um einen Holztisch sitzen die Teilnehmer in dem schlicht eingerichteten Raum. Nur die Getränke fehlen. Esoterisch wirkt keiner von ihnen auf mich. Sie unterhalten sich über neue Erkenntnisse aus Studien, diskutieren, wie sie ihre Informationen und Forderungen am besten an die Öffentlichkeit bringen können – und sie versuchen mich als Außenstehende und Skeptikerin zu überzeugen. Während Politiker und Medien meckern, dass der Netzausbau nicht vorankommt, beklagen sich die Menschen hier darüber, dass es kaum noch Telefonzellen gibt.

Die Initiative berät auch elektrosensible Menschen darin, wie sie ihre Wohnungen am besten gegen Strahlung abschirmen können. Elektrosensible behaupten, durch die elektromagnetischen Felder krank zu werden. Von der World Health Organisation hingegen wird Elektrosensibilität nicht als Krankheit anerkannt, da Studien keine Zusammenhänge finden konnten. Heute ist keiner der Teilnehmer elektrosensibel, ihnen geht es um die langfristen Folgen elektromagnetischer Strahlung. Sie nennen es Elektrosmog. Zwei Teilnehmer sind zum ersten Mal da: Ein Ingenieur für Elektrotechnik, der aus seinem Berufsleben erzählt, und eine Mutter, die sich Sorgen wegen der Handynutzung ihrer Kinder macht. Sie sagt, sie habe kaum Wissen über Physik und hört überwiegend zu. Der Mann redet mit, als wäre er schon lange dabei.

Stryz und Helga Krause geben Infomaterialen heraus. Die weißhaarige Frau stellt einen Korb gefüllt mit Broschüren auf den Tisch. Krause war lange die ehrenamtliche Mobilfunkbeauftrage des BUND Naturschutz Bayern. Immer wieder weisen beide auf verschiedene Studien hin. Es gibt Tausende davon und doch wenig Klarheit. Teilweise wiedersprechen sie sich, teilweise werden dieselben Studien einmal als Beweis der Unschädlichkeit und einmal als Beweis für die Gefährdung durch Mobilfunk angeführt.

Foto: Anna Siemer

Der Großteil der Bevölkerung verlässt sich auf die Angaben des BfS: Mobilfunk – egal ob 5G, LTE oder UMTS – sei nicht schädlich. Auf einem gewissen Grundvertrauen in den Staat muss eine Gesellschaft schließlich aufbauen, denke ich. Gleichzeitig braucht der Staat aber mündige Bürger, die sich wehren, wenn etwas schiefläuft. Aber ist das hier der Fall? Die medizinischen Studien sind als Laie schwer nachvollziehbar. Als ich die Gruppe auf die Informationen hinweise, die das BfS mir gegeben hat, antwortet Krause freundlich, aber bestimmt: Die Studien seien unqualifiziert. Der Ingenieur für Elektrotechnik stimmt zu: „Wissenschaft nützt immer dem, der am meisten Geld auf den Tisch legt.“ Den Studien, die die Initiative selbst anführt, werfen andere Wissenschaftler hingegen methodische Mängel vor.

Stryz und Krause wollen sich nicht auf die Angaben des BfS verlassen. Sie waren beide Teil der Anti-Atomkraft-Bewegung und wollen nicht, dass die Gesundheit länger der Wirtschaft untergeordnet wird. Sie sehen die Installation tausender Funkanlagen in Deutschland als Experiment an der ganzen Bevölkerung – unfreiwillig und ohne wissenschaftlichen Begleitschutz. Das auch unsichtbare Strahlen krank machen können, wissen seit Tschernobyl die meisten. Jetzt kämpfen sie gegen eine andere Art der Strahlung, die elektromagnetische. „Leider sind in dem Bereich auch viele Esoteriker unterwegs. Aber Stahlen sind nichts Esoterisches, sondern physikalisch nachweisbar“, sagt Stryz.

Dass die Strahlen vorhanden sind, bestreitet niemand. Die thermische Wirkung, die die Strahlen haben, ist klar nachgewiesen. Sie erwärmen menschliches Gewebe. Innerhalb der Grenzwerte sei das aber harmlos und unbedenklich, beruhigt Meßmer vom BfS. Außerdem würden diese nur zu einem Bruchteil ausgeschöpft.

Trotzdem gibt das BfS eine Broschüre heraus, in der steht, wie eine hohe elektromagnetische Belastung vermieden werden kann. Telefonieren am besten über das Festnetz oder mithilfe eines Headsets steht dort zum Beispiel. Und auch das BfS gibt zu, dass die langfristige Wirkung intensiver Handynutzung noch nicht abschließend beurteilt werden kann, dafür sei die Technik zu neu. Krankheiten wie Krebs entwickelten sich über mehrere Jahrzehnte.

„Digital first – Bedenken second“, schrieb Christian Lindner auf die Wahlplakate der FDP. „Mobilfunk ist neben der Klimaveränderung die größte Bedrohung für die Menschheit“, sagt Helga Krause auf der anderen Seite. Warum die Politik kein Interesse an dem Thema hat, ist für sie klar, die Lobbyarbeit der Mobilfunkunternehmer und ihrer Profiteure sei schuld. Besonders wütend macht die Teilnehmer, dass sie der Strahlung nirgendwo ausweichen können. Die meisten Antennen in der Stadt sind kaum als solche zu erkennen und das WLAN der Nachbarn reicht auch in die eigene Wohnung hinein. Sie wollen das Internet nicht verbieten, sondern es über Glasfaser nutzen. Die Übertragungsrate sei dabei sowieso besser.

„Warum gibt es nicht mehr Aufmerksamkeit für das Problem? Der BUND hat doch Reichweite, dem wird geglaubt!“, wirft eine Frau, die zum zweiten Mal hier ist, in den Raum. „Das Thema hat im BUND leider einfach nicht die Priorität“, gibt Krause zu. Und Stryz bedauert: „Uns fehlt einfach die Professionalität, nicht das Fachwissen, sondern die Organisation und Vernetzung“.

Die Sorge um die Belastung durch Mobilfunkstrahlung wirkt sich auch auf ihren Alltag aus. Manche hier verzichten komplett auf ein Handy, haben kein WLAN zuhause oder stellen es nachts ab. Für Stryz ist das kein Verzicht: „Ich lebe viel mehr im Hier und Jetzt als diejenigen, die ständig auf ihr Handy schauen“. Er sieht ein, dass es praktisch ist, überall Empfang zu haben, um beispielsweise einen Notruf absetzen zu können. Ein Großteil der Datennutzung sei trotzdem überflüssig und treibe die Zahl der Masten unnötig in die Höhe. Die Antennen brauchen viel Strom, da sie klimatisiert werden müssen.

Dass CO2-Ausstoß schädlich für unsere Umwelt ist, ist im Gegensatz zur Strahlung wissenschaftlich belegt. Ein Mann, der später hinzugekommen ist, erwähnt „Fridays for Future“. Dass dank der Umweltbewegung nach SUV- und Flugscham jetzt Mobilfunk-Scham kommt, halte ich für unwahrscheinlich. Schließlich werden viele der Proteste über Whatsapp organisiert, für die Schüler ist ein Alltag ohne Handy kaum vorstellbar. Auch in der Gruppe ist die Hoffnung eher gering. Im BUND hat sich die Jugendorganisation lange gegen einen kritischen Blick auf den Mobilfunk gewehrt. Inzwischen haben auch sie ein kleines Heft zum mangelnden Datenschutz und dem Energieverbrauch herausgebracht. Die Strahlung selbst wird jedoch nicht erwähnt. „Sie haben Angst, dass man ihnen ihr Smartphone wegnimmt“, vermutet Krause. Und tatsächlich fordert die Initiative ein Verbot von Handys in öffentlichen Gebäuden und Verkehrsmitteln. Mir gegenüber wiegeln sie jedoch ab. Es gehe ihnen in erster Linie darum, die Strahlenbelastung so gering wie notwendig zu halten und die Menschen zu informieren.

Der Umweltaspekt macht mich nachdenklich. Die Funkleistung zu reduzieren und zum Beispiel die mobilen Daten öfter einfach auszuschalten, klingt nach einem ersten und einfachen Schritt. Auf mein Handy verzichten möchte ich aber nicht. Für den Rückweg brauche ich es, um zu sehen, wie ich am schnellsten zum Bahnhof komme. In dieser Nacht lege ich es zum Aufladen allerdings auf den Schreibtisch statt neben das Bett.

Beitragsfoto: Anna Siemer

Anna Siemer
Anna Siemer
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