Wie Digitalisierung den Dialog retten kann

Reden wir über Digitalisierung, zeichnen wir oft ein negatives Bild von ihrem Einfluss auf Kommunikation – Abhängigkeit Smartphones, Starren auf Displays. Dabei übersehen wir die Chance, interkulturelle Barrieren zu überwinden und über Grenzen hinweg ins Gespräch zu kommen.

Im Zug höre ich, dass sich hinter mir zwei Männer unterhalten.  Sie sprechen Hebräisch, kommen vermutlich aus Israel. Was sind ihre Erfahrungen in Deutschland? Nehmen sie politische Diskussionen anders wahr? Ich stelle mir vor, wie ich mich zu ihnen drehe und frage: „Ich habe gehört, dass ihr Hebräisch redet. Was denkt ihr über Deutschland und das Leben?“ Vielleicht haben sie gar keine Lust, darüber zu sprechen. Oder sie müssen bei der nächsten Station aussteigen. Ich spreche sie nicht an. Solche Hemmnisse erlebe ich häufig – und spreche deshalb kaum mit Ausländern.

Der Dialog scheitert. Nicht nur bei mir: Der interkulturelle Dialog ist eine der größten Herausforderungen unserer Zeit. Laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge leben mehr als zehn Millionen Ausländer, Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit, in Deutschland. Trotzdem bestätigt eine Studie der Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik: Wir hören meist nur Perspektiven von Menschen aus unserer politischen Strömung, unserer eigenen sozialen Schicht und Nationalität.

Digitalisierung kann das ändern. Dialog muss nicht mehr im Zug anfangen, es reicht eine App.

Tandem-Apps ermöglichen es, Muttersprachler unzähliger Nationen zu finden. Nach nur ein paar Klicks kann ich Menschen anschreiben, und wenn sie Lust haben, antworten sie mir. Wenn nicht, entsteht zumindest keine unangenehme Situation. Ich kann abwarten, wie sie auf Fragen reagieren und mir Zeit nehmen, meinen Chatpartner einzuschätzen. Wenn wir uns gut verstehen, können wir telefonieren, skypen oder uns im „real life“ treffen.

Ein Hindernis für Dialog im echten Leben ist die ungewollte Nähe. Wenn ich mit den Männern im Zug im Kontakt bleiben wollte, müsste ich ihnen meine Telefonnummer geben. Das ist mir zu viel Verpflichtung. Ich hatte in der Vergangenheit schon kurze Gespräche, nach denen ich keinen Kontakt halten wollte, die andere Person aber schon. Ein Mann folgte mir mehrere Stunden, während ich Flyer verteilte und bat mich über zehn Mal um ein Treffen. Noch Wochen danach rief er mich zwei- oder dreimal pro Tag an. In der App muss ich keinen echten Namen, keine Nummer und noch nicht einmal meine Stadt angeben.

Wenn ich im Zug einer spontanen Begegnung meine Handynummer gebe, weiß sie nicht: Will ich ein Date, eine Bekanntschaft, Freundschaft schließen? Auf der App ist klar: Ich suche jemanden, um eine Fremdsprache zu üben. Vielleicht entwickelt sich eine Freundschaft. Notwendig ist das nicht.

Eine weitere Schwierigkeit beim interkulturellen Dialog ist die Sprache selbst. Ich spreche zwar hebräisch, aber nicht fließend. hineingeworfen in eine spontane Situation, würde ich stottern, mir würden Worte fehlen. Mein Gesprächspartner müsste geduldig sein, bis ich meine Sätze herausbringe – und konzentriert, um mich zu verstehen. Bei vielen meiner Freunde bleiben Fremdsprachen deshalb Schulfach. Auch meine Mutter hatte in der Schule mehrere Jahre Französisch, später belegte sie einen VHS-Kurs. Im Urlaub traut sie sich trotzdem nicht, mit Franzosen zu sprechen. Obwohl sie genug Vokabeln kennt und viel versteht, fühlt sie sich nicht bereit für ein Gespräch.

Im Internet ist das leichter: Ohne Zeitdruck kann ich mich auf das Gespräch vorbereiten und nach fehlenden Worten suchen, noch während ich eine Antwort schreibe. Beide Seiten werden Fehler machen und stellen sich darauf ein, dem anderen zu helfen – beide wollen ja weiterkommen. Ich kann mich darauf konzentrieren, wofür ich Fremdsprachen lerne: nicht für Perfektion, sondern für Kommunikation. Durch regelmäßige Gespräche sind wir entspannter und können auch tiefer über Themen reden.

Ein zusätzlicher Vorteil von Apps ist die Anonymität. Sie ermöglicht schnell Nähe. Meine Mutter hilft seit mehreren Jahren einer syrischen Flüchtlingsfamilie. Ich habe schon oft mit den Kindern gespielt, bei den Hausaufgaben geholfen oder mit der Familie gegessen. Aber über kontroverse Themen, wie Frauenbilder, reden wir nie. Wir wären gehemmt, würden einen Konflikt vermeiden. Was, wenn ein Streit die Freundschaft gefährdet? Dabei brauchen wir Konflikt, um ehrliches Verständnis für den anderen zu entwickeln.

Im Internet habe ich keine Verbindung zur fremden Person. Das sorgt für Hasskommentare, aber auch dafür, dass ich direkt nach dem Hallo fragen kann: „Wie denkst du als Syrer eigentlich über die Rolle der Frau?“ Damit bekomme ich noch keinen umfassenden Einblick, aber ein besseres Verständnis.

Das Internet erleichtert Dialog auch, weil ich Menschen mit den gleichen Hobbys finden kann. Das gibt mir einen Anlass, das Gespräch zu beginnen. Ähnlich wie bei Dating-Apps, kann man auf Tandem-Apps seine Interessen angeben – und so Diskussionen zu TV-Serien des Landes, Politik oder dem Züchten von Kakteen starten.
Im echten Leben bin ich darauf angewiesen, Gemeinsamkeiten mit Menschen in meiner Umgebung zu finden. In meinem Freundeskreis kann niemand verstehen, warum ich es liebe, Sprachen wie Hebräisch zu lernen. Im Internet finde ich Leute, die genauso begeistert sind wie ich. Dadurch kann ich mich ganz neu austauschen. Vielleicht sogar Freunde finden. Mit Freunden will ich meine Gedanken ordnen und versuchen, Empfindungen in Worten auszudrücken. Als ich in Frankreich lebte, habe ich Gespräche gesucht, die mich zu neuen Erkenntnissen führen. Es war anstrengend, weil mir Begriffe fehlten, um Nuancen zu vermitteln.

Eine Tandem-Partnerin von mir hat dieselben Probleme wie ich, auch sie tut sich schwer damit, im Ausland Freunde zu finden. Nur ist Ausland für sie Berlin. Sie ist Israelin und lebt seit einigen Jahren in der deutschen Hauptstadt. Als sie mir von ihrem Leben dort erzählte, fand ich meine Frankreich-Erfahrung darin wieder. Wir beide hatten das Gefühl, wegen der Fremdsprache keine Freunde zu finden. Auch uns fehlten in Gesprächen miteinander immer wieder Worte. Trotzdem haben wir uns gut verstanden – und konnten eine Erfahrung miteinander teilen, in der wir uns bisher unverstanden fühlten..  Durch unsere Verbundenheit fällt es uns beiden leichter, Zugang zu unserer jeweiligen Kultur zu finden.

Eine andere Bekannte aus dem Internet wollte seit der dritten Klasse Hebräisch lernen, Bilder in der Kinderbibel von Israel hatten sie begeistert. Jahrelang versuchte sie, mithilfe von Lehrbüchern und Kassetten zu lernen und reiste von erspartem Geld nach Israel. Ohne israelische Freunde kam sie nicht weit. Der Dialog scheiterte. Sie war enttäuscht. Erst mit Mitte 40 begann sie wieder damit, die Sprache zu lernen, nun mit Hilfe des Internets. Dort fand sie eine Familienmutter aus Eilat im gleichen Alter. Die beiden sind mittlerweile seit zehn Jahren befreundet. Diese Bekannte war in ihrer Jugend angewiesen auf selten angebotene Althebräischkurse und teure Reisen nach Israel, wenn sie die Sprache richtig lernen wollte. Bei mir reicht das Handy.

Beitragsfoto: FU Berlin

Rebecca Ricker
Rebecca Ricker
redakteur21@wirklichwahr.org

Rebecca Ricker war Teil der wirklich\\wahr-Redaktionen "\\digital" im Herbst 2019.

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