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„Den Hass habe ich verbrannt“

Anne Salzbrenner erlebt als evangelische Pfarrerin immer wieder Extremismus. Sie fordert: Lebt nach dem Gebot der Nächstenliebe und behandelt alle Menschen gleich – egal ob Ausländer, Flüchtling oder Deutscher. Deshalb drohte man ihr schon mit Gewalt und Hinterhalten.

Auf welche Weise haben Sie bereits Extremismus erlebt?

Selbstverständlich. Extremismus fängt für mich an, wenn ich gefragt werde, ob ich nicht Angst vor Islamisierung habe, und, dass uns der Islam überrollen will.
Über andere Menschen übel zu reden, nur weil sie Flüchtlinge sind – alle nach Hause schicken –, oder Ausländer wie Rumänen und Polen – die klauen eh nur –, das ist für mich Alltagsextremismus.
Auch im Thema Homosexualität erlebe ich immer wieder extreme Äußerungen: weil ich Pfarrerin bin, müsse ich doch etwas gegen Homosexuelle haben. Das sei doch nicht Gott gewollt. So ein Quatsch!

Waren Sie persönlich bereits Extremismus ausgesetzt?

Als Frau werde ich von manchen Menschen nicht akzeptiert, wenn es darum geht, dass ich eine Hochzeit abhalte, oder aber auch als Geschäftsführerin handle, wenn es um Belange unserer Gemeinde geht. Ein Beispiel dafür ist die Belegung unseres Gemeindehauses. Manche Menschen sagen, dass ich als Frau erst gar nicht Pfarrerin sein kann. All das erlebe ich klar als gegen mich als Frau gerichteten Extremismus.

Fühlten Sie sich schon einmal bedroht durch extremes Gedankengut?

Ich habe in meiner Studienzeit regelrechte Straßenkämpfe miterlebt. Eine Gruppe von Studenten, die eher gewerkschaftlich orientiert war, wurde auf offener Straße angegangen und mit abgeschlagenen Bierkrügen attackiert. Studienfreunde bekamen nachts Terroranrufe, ihr Zimmerfenster wurde mit einem Gewehr beschossen, noch während Menschen im Zimmer waren.
Heute begegnet mir Extremismus in Hassbriefen und Telefonanrufen, wo ich zeitweise sogar bedroht werde: ich Flüchtlingsfreund solle „nachts gut aufpassen“. Das hinterlässt Etwas in einem.

Wie haben Sie reagiert?

Die Briefe habe ich verbrannt. Ich bin Sprecherin des Bündnisses Lichtenfels ist bunt. Das ist ein Bündnis, das sich für Toleranz und gegen Rechtsextremismus wendet. Wir organisieren bunte Feste, aber auch Demos gegen rechte Organisatoren. Ich bin dort Sprecherin, weil andere zum Teil Angst um ihre Familie haben oder vor Attacken.
Mein Vater hat den Krieg erlebt und verbrachte viereinhalb Jahre in Gefangenschaft. Ich bin von Kindes Beinen an dazu erzogen worden, mich gegen Rechtsextremismus und für Frieden und Toleranz einzusetzen. Mein Vater hat sich oft mit Menschen  angelegt, die den Krieg verherrlicht haben, oder sich über Menschen ausließen, nur weil diese anders aussahen.
Für mich ist das keine Frage der Überlegung. Ich tue es, weil Schweigen für mich Zustimmung bedeutet. Und ich will nicht schweigen. Das hat nichts mit Mut zu tun. Es geht nicht anders.

Haben Sie Angst vor Extremisten?

Sicher. Angst ist da, wenn ich mich in einem Interview, in der Zeitung oder während einer Demo oder in einer Predigt deutlich gegen Extremismus ausgesprochen habe. Ich habe Angst vor Nazi Gangs. Machen die ihre Drohungen wahr und stellen mir eine Falle? Wer schon Überfälle erlebt hat, der weiß, dass Extremisten keinen Spaß verstehen. Und kein Erbarmen kennen. Kollegen von mir ist das schon passiert.
Aber diese Angst kriegt mich nicht klein, sonst hätten die Extremisten schon gewonnen. Das darf ich nicht zulassen. Noch leben wir in einer Demokratie, und die gibt mir Möglichkeiten gegen Extremisten vorzugehen – durch Polizei und Gericht. Ich erfahre viel Solidarität von Menschen, die es gut finden, dass ich mich als Pfarrerin, also als Person des öffentlichen Lebens, klar positioniere. Als bekannt wurde, dass ich von Extremisten bedroht wurde, bekam ich Emails und Post von jungen und alten Menschen aus Gemeinde und Nachbarschaft. Mir teils fremde Leute schrieben mir, dass ich anrufen soll, wenn ich wieder bedroht werde. Sie seien da, würde ich Geleitschutz brauchen. Solche Reaktionen machen mir Mut und bestärken mich.

Macht diese Angst Ihr Leben schwieriger?

Ich finde es gar nicht schlecht, ein wenig Angst zu haben. Dadurch passe ich besser auf, bin wachsamer und nicht naiv. Ich überlege sehr genau, was ich wann wo sage und wie ich aus einer Situation  wieder heraus kommen kann, um Hilfe zu holen. Diese Gedanken laufen immer ab, bevor ich mich irgendwo einmische. Manchmal ist ein weiser Rückzug besser, als naives Gegenhalten. Einen Selbstverteidigungskurs habe ich nie belegt. Dafür aber eine Ausbildung in Gewaltfreier Konfliktbearbeitung.

Was raten Sie Menschen, die Extremismus erleben?

Wer schweigt stimmt zu! Für mich ist es ganz klar notwendig, Partei zu beziehen. Unbedingt ohne selbst extrem zu werden. Würde ich körperlich angegriffen, ich würde mich verteidigen und um Hilfe rufen, damit die Polizei eingreift und mich verteidigt.
Werde ich verbal angegriffen, reagiere ich mit Worten. Wenn ich Zeugin eines Gesprächs bin oder mitbekomme, wie andere Menschen bedroht werden, mische ich mich ein. Wird es körperlich, rufe ich die Polizei.

Gibt es eine Lösung für das Problem des Extremismus?

Soziale Armut, finanzielle Bedürftigkeit, Bildungsmangel, Wissensmangel, anerzogene Feindbilder und Kriegstraumata sind für mich die Saat, aus der Extremismus erwächst.
Deshalb müssen Menschen gerecht Teil haben an den Rohstoffen dieser Welt. Eine extreme Schere zwischen arm und reich muss überwunden werden, wollen wir eine Gesellschaft, die in Frieden lebt. Wieso bekommt ein Bankdirektor unverhältnismäßig viel Geld im Vergleich zu einem Pfleger oder einer Erzieherin?
Menschen brauchen eine gute Schulbildung, unabhängig vom Geldbeutel der Eltern. Es kann nicht angehen, dass Kinder in der gleichen Grundschulklasse zum Teil lesen können und zum Teil nicht. Wem Wissen fehlt, der fängt an, das Fremde schlecht zu reden, weil er einen Sündenbock braucht für die eigene Situation. Für extremistisches Gedankengut ist ansprechbar, wer selbst unsicher ist.

Wie kann man etwas gegen Extremismus tun?

In den Integrativen Kindertagesstätten (Anmkg. d. Redaktion: Krippe, Kindergarten und Hort), die unsere Kirchengemeinde als Träger betreibt, wird im Besonderen auf das gleiche Miteinander geachtet. Und siehe da: Kinder verstehen oft nicht, warum ihre Eltern, oder warum Andere, Menschen mit Behinderung für dumm halten, oder warum Christen und Muslime sich streiten. Originalsatz eines acht Jahre alten Jungen: „Ich verstehe nicht, warum Papa über die Türken schimpft und warum Krieg zwischen Christen und Muslimen ist. (Anmkg. d. Redaktion: Der Satz fiel kurz nach dem Attentat in Berlin 2017) Der Mustafa und ich, wir sind doch auch beste Freunde und verstehen uns. Und wenn wir uns mal nicht verstehen, sprechen wir uns aus und dann ist wieder gut.“
Man kann Kinder vom Extremismus weg erziehen. Jugendliche, Deutsche wie Ausländer, bräuchten viel mehr Möglichkeiten, um einander kennenzulernen.

Nawar Al Eid
Nawar Al Eid
redakteur7@wirklichwahr.org

Nawar Al Eid war Teil der wirklich\\wahr-Redaktionen "\\zeitlupe" und "\\extrem" im Herbst 2018.

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