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„Es war, als ob ich in einer Kapsel groß geworden bin“

In Deutschland sind die „Zeugen Jehovas“ als Religionsgemeinschaft anerkannt. Eine junge Frau findet das falsch. 18 Jahre ist sie bei den „Zeugen Jehovas“ aufgewachsen, dann beschloss sie auszusteigen. Nun redet sie auf ihrem YouTube-Kanal über ihre Kindheit.

In weißen Hemden oder schlichten, langen Röcken lächeln sie den vorbeirauschenden Fußgängern zu und strecken ihnen ihr Magazin „Der Wachtturm“ entgegen. Einige ihrer Regeln: Keine weltliche Musik, keine kurze Kleidung, keine Bluttransfusionen. Und vor allem – keine Geburtstage, kein Ostern, kein Weihnachten. Die Zeugen Jehovas führen ein entbehrungsreiches Leben. Aber sind sie eine Sekte? Vergleichbar mit „Heaven‘s Gate“oder „Scientology“? Sophie Jones ist vor fünf Jahren ausgestiegen und sagt klar: Ja.

Mit der eigenen Vergangenheit an die Öffentlichkeit zu gehen ist nicht leicht. Wieso hast du dich dazu entschlossen, Videos über deine Erfahrungen mit den Zeugen Jehovas zu drehen?

Direkt nach meinem Ausstieg wollte ich mit den Zeugen Jehovas erst mal nichts mehr zu tun haben. Ich habe aber gemerkt, dass das Thema nicht aus meinem Leben verschwindet. Mit den Videos möchte ich über die Zeugen Jehovas aufklären und Menschen helfen, die darüber nachdenken, aus dieser Sekte auszusteigen. Auch wenn sich nur eine Person durch meine Videos dazu entschließt, bei den Zeugen Jehovas auszutreten, ist das für mich ein Gewinn.

Wodurch hast du angefangen, dein Leben bei den Zeugen Jehovas zu hinterfragen?

Nachdem sich meine Eltern geschieden haben, musste mein Vater die Zeugen Jehovas verlassen. Ich bin bei meiner Mutter aufgewachsen, wollte aber den Kontakt zu meinem Vater nicht abbrechen. Als „ungetaufter Verkündiger“ wird es gerade noch so toleriert, Kontakt zu Ausgeschlossenen zu haben. Aber als ich mich mit 17 Jahren taufen lassen wollte, musste ich den Kontakt zu meinem Vater abbrechen. Das ist mir unglaublich schwer gefallen und ich habe in dieser Zeit sehr darunter gelitten. In der Bibel steht, dass man seine Eltern ehren soll, aber plötzlich durfte ich meinen Vater nicht mal mehr grüßen, wenn ich ihm auf der Straße begegnet bin. Das erschien mir alles widersprüchlich.

Sophie Jones versucht mit ihrem YouTube- Kanal Mitglieder der Zeugen Jehovas zum Ausstieg zu bewegen. - Foto: Sophie Jones
Sophie Jones versucht mit ihrem YouTube- Kanal Mitglieder der Zeugen Jehovas zum Ausstieg zu bewegen. - Foto: Sophie Jones

Innerlich hast du gezweifelt. Konntest du deine Zweifel auch nach außen tragen?

Wenn man ein, zwei mal nicht in der Versammlung gewesen ist, wird man sofort von anderen Zeugen Jehovas angerufen und ausgefragt. Sie behaupten dann, dass sie sich für dich und dein Wohlergehen interessieren, dabei wollen sie nur sicher gehen, dass du dabei bleibst. Es ist gefährlich, wenn sich jemand distanziert. Das wird immer mit einer Krankheit verglichen: Wenn ein Schaf krank ist, steckt es die ganze Herde an.

Du sagst, dass die Zeugen Jehovas eine Sekte sind. Ein Merkmal von Sekten ist ja die soziale Kontrolle, ein anderes die Isolation der Mitglieder.

Mein Vater ist nicht der einzige gewesen, zu dem ich Abstand halten musste.
Meine Mutter war sehr streng. Sie meinte, dass alle Menschen, die keine Zeugen Jehovas sind, schlechter Umgang für mich seien. Stattdessen sollte ich zu den wöchentlichen Zusammenkünften in der Versammlung gehen, mich auf die Versammlungen vorbereiten, täglich die Bibel studieren, Tagestexte der Zeugen Jehovas lesen und in den Predigtdienst gehen. Die Zeit wird absichtlich gut gefüllt. Es war, als ob ich in einer Kapsel groß geworden bin. In der Schule konnte ich oft nicht mitreden, ich habe mich immer wie ein Alien oder ein Freak gefühlt – und wurde auch oft so behandelt. Mein Auszug von zu Hause hat sich wie der erste Kontakt zur Außenwelt angefühlt.

Offiziell gelten die Zeugen Jehovas als „Körperschaft des öffentlichen Rechts“. Aber der Sekten-Vorwurf ist nicht neu. Wie bist du früher damit umgegangen?

Wenn jemand zu mir gesagt hat, dass ich in einer Sekte sei, habe ich mich persönlich angegriffen gefühlt. Als Zeuge Jehovas wird man bereits als Kind mit dem Buch „Unterredungen anhand der Schriften“ auf solche Vorwürfe vorbereitet. Es gibt dort einen Abschnitt, in dem erklärt wird, was man antworten soll, wenn die Zeugen Jehovas als Sekte bezeichnet werden. Zum Beispiel behaupten sie darin, dass sie sich nicht von der Gesellschaft zurückziehen würden, wie es typisch für eine Sekte ist. Stattdessen würden sie mitten unter den Menschen arbeiten und leben. Die Antwort aus dem Buch habe ich dann auswendig gelernt und runter gerattert.

Würde sich etwas verändern, wenn die Zeugen Jehovas auch offiziell als Sekte gelten würden?

Auf jeden Fall! Wenn Scientology am Bahnhof Flyer verteilt, ist das ein Skandal. Wenn das Zeugen Jehovas machen, interessiert es kaum jemanden. Sie werden von der Gesellschaft als harmlose, nette Menschen wahrgenommen, die ab und zu an der Haustür klingeln. Sie sind aber nicht harmlos! Die Zeugen Jehovas stellen ihren Gott über alles. Sie wollen sich nicht in die Welt und in den Staat, in dem sie leben, einfügen. Wenn etwas in der Gemeinschaft passiert, zum Beispiel eine Vergewaltigung, wird es in einem eigenen Rechtssystem geregelt – oder einfach nur vertuscht. Ich engagiere mich deswegen in dem Verein „JW Opfer Hilfe“. Wir versuchen, den Zeugen Jehovas die Körperschaftsrechte aberkennen zu lassen.

 


JW Opfer Hilfe e.V.

Der 2018 gegründete Verein informiert über Menschenrechtsverstöße bei den Zeugen Jehovas, Sekten und destruktiven Gruppen. In Zusammenarbeit mit Psychologen, Selbsthilfegruppen, Rechtsanwälten und Aussteigern bietet „JW Opfer Hilfe e.V.“ Betroffenen psychologische und rechtliche Hilfe an.

Webseite: www.jz.help

Beitragsfoto: Aaron Burden / unsplash.com

Sarah Elisabeth Kühn
Sarah Elisabeth Kühn
redakteur32@wirklichwahr.org

Sarah Elisabeth Kühn war Teil der wirklich\\wahr-Redaktionen "\\extrem" im Herbst 2018.

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