Höher, Schneller, Härter

Elvin Kalinowski ist Gründungsmitglied der Freerunninggruppe Trick-Ink. Gemeinsam mit seinen Kumpels bricht er aus dem Alltag aus. Ob er nun auf Kräne klettert, einen doppelten Rückwärtssalto hinlegt oder über Hindernisse fliegt – er sucht das Extrem.

Ein Sprung, ein Abgrund. Die Füße fliegen über Dachziegel. Unter ihnen – Nichts. Oben weht ein anderer Wind. Ein falscher Schritt – Das Ende. Ein Mal nicht aufgepasst, ausgerutscht –  Genickbruch. Dieser Gefahr stellt sich Elvin Kalinowski, 17, täglich. Warum? „Wegen des Kicks!“, sagt er.

Elvin ist Mitglied der Freerunninggruppe Trick-Ink. Beim Freerunning geht es darum, sich zu bewegen, Hindernisse zu bewältigen und dabei möglichst cool auszusehen.

Ein Sprung von zwei Meter Höhe. Springen, landen, abrollen. Sie hatten das tausende Male geübt. Ein letztes Mal tief durchatmen und los. Er hebt vom Boden ab. Seine Arme wirbeln durch die Luft. Springen, landen, abrollen. Elvin landet. Ein Knall. Das Schienbein ist gebrochen. Über Wochen hinweg muss er im Krankenhaus bleiben – für den Filmdreh eines Schulprojekts im Februar 2016. Heute zeugen nur noch zwei linienförmige Narben von seinem Unfall.

„Selbst ein Trick, den man angeblich im Schlaf beherrscht, kann einen zerlegen. Die Selbsteinschätzung in diesem Sport ist das wichtigste Attribut des Freerunners. Hinter jeder Narbe steckt eine Geschichte.”

Das Ereignis von damals sieht er heute so: ein paar Wochen ausgeruht. Weiter geht’s!
„Freerunning ohne Verletzung ist wie Schule ohne Stress – unmöglich. Man springt, man fällt. Ob man unverletzt wieder aufsteht, liegt bei einem selbst“, sagt Elvin.

Foto: privat

Oktober 2017. Ziel: Ein Kran. Elvin klettert die Stufen zum Führerhaus hoch. Es ist dunkel. Oben angekommen hangelt er sich zum Ende des Krans. Er setzt sich und genießt die Aussicht. Es ist bis heute ein besondere Erinnerung für ihn, dort oben gesessen zu haben. „Es geht darum, den Menschen zu zeigen, was es bedeutet, frei zu sein. Für Freerunning braucht es keine Worte – Nur ein paar Schuhe.“

Auch in den sozialen Medien ist Freerunning Trend: Flucht vor einem Polizisten in Hong Kong – 80 Millionen Klicks. Sprung in ein startendes Flugzeug – 83 Millionen Klicks. Feerunning ist ein Bestseller-Narrativ auf YouTube, Facebook und Instagram. Die Zuschauer sind auf der Suche nach dem Extrem, dem Ausbruch aus dem Alltag. Wenn sie es selbst nicht wagen, begleiten sie über die Displays ihrer Smartphones und Computer wenigstens andere dabei.

Einer der großen Stars ist Pasha „The Boss“ Petkuns, 26, und Mitglied der weltberühmten Freerunning- und Parkourgruppe Team Farang. Als sein bekanntestes Auftritt gilt das Video „Chasing Love In Venice | Freerunning with Pasha The Boss“. Er fällt von einem Boot und wird so von seiner Freundin getrennt. An Land angekommen machen sich beide auf die Suche nach dem anderen. Pasha sprintet durch enge Gassen, springt über Gondeln, um Kanäle zu überqueren. Plötzlich schaltet sich die Polizei ein. Drei Polizisten versuchen mit Pasha mitzuhalten – vergeblich. Es wird dunkel. Pasha springt über Dächer, von Brücken, auf fahrende Gondeln und kommt letzten Endes doch noch pünktlich zum Feuerwerk an. Er nimmt seine Freundin an der Hand. Happy End.

Mit seinem Youtube-Channel hat der Lette rund 20.000 Leute von seinem Können überzeugt. Er ist ein Vorbild, ein Idol, ein Held. Er tut das, was er liebt und hat es zum Beruf gemacht. Pasha, das ist die Marke Freigeist. Er hat keine Wohnung – nicht mal ein Bett. „Ich wohne überall ein bisschen. Man nennt mich auch den famosen Obdachlosen“, sagt er auf der Website des Team Farang.

„Naiv“, „verrückt“, „lebensmüde“. Die Tiraden im Netz finden sich in Endlosschleife. „Wer so mit seinem Leben spielt, hat das Leben nicht verdient. Andere sterben unverdient an Krebs oder sonstigem“, schreibt ein User unter einem Video des Team Farang.

Freerunning birgt Risiken – Risiken, die jedem professionellen Freerunner bewusst sind. Man hat keine Gegner, keinen Schiedsrichter – Man kämpft alleine gegen sich selbst.

Elvin ist genervt son solcherlei Lästerei und Missgunst im Internet. „Das Team Farang war die eigentliche Motivation für uns, unsere eigene Gruppe zu gründen – Trick-Ink!“, sagt er. Die Skeptiker würden das Wesentliche übersehen: „Durch Freerunning lernt man den eigenen Körper erst richtig kennen. Man wird sich seiner Grenzen bewusst und versucht, die Messlatte immer ein bisschen höher zu hängen.“
Besser, extremer, mutiger sein als der Rest – Gleichzeitig die Freiheit spüren, gemeinsam Erlebnisse teilen, Freundschaften schließen – das sei Ansporn der Sportler.
Freerunning, das lässt sich auch als Aufforderung verstehen: jage das Extrem!

Beitragsfoto: Verne Ho, unsplash.com

Jens Maurer
Jens Maurer
redakteur9@wirklichwahr.org

Jens Maurer war Teil der wirklich\\wahr-Redaktionen "\\extrem" im Herbst 2018.

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