Foto: Maximilian von Lachner

Ich mag euch trotzdem

In Deutschland wurde unser Autor von Rechtsextremen angegriffen. In Syrien hat er den IS erlebt. Er sagt: Wir müssen den Extremismus mit Liebe bekämpfen.

Sangerhausen in Sachsen-Anhalt, Anfang 2015.

Ich wohnte mit vier Syrern in einem Zimmer. Das Haus stand auf einem Berg, ganz allein, getrennt von der Stadt. Ich fragte mich: Warum? Es war die erste Stadt, in der ich in Deutschland gewohnt habe.

Der erste Tag war anstrengend, weil alles neu war. Die Stadt, die Menschen und die Sprache. Die Sozialarbeiterin war wie eine Mutter für uns. Sie hat uns gezeigt wo das Zentrum ist und wo man Einkaufen gehen kann. Am nächsten Tag sind meine Freunde und ich losgegangen.

Wir mussten dafür durch einen Park, der Schützenplatz. Wir haben zwei Männer gesehen und eine Frau. Tattoos, Piercing, schwarze Haare, in der Hand eine Flasche Bier. Die Frau fing an auf deutsch zu reden, ich habe gelächelt weil ich im ersten Augenblick die Situationen nicht verstanden habe. Aber dann hat die Frau auf englisch geschimpft: „Go Home, Motherfucker!“ Sie wollte sich mit uns prügeln, aber die beiden Männer hielten sie zurück. Wir sind einfach nach Hause gelaufen.

Das Bild war die ganze Nacht in meinem Kopf. Die anderen Flüchtlinge hatten mir erzählt dass es solche Menschen hier gibt. Aber ich habe immer gedacht sie tun uns nichts solange wir ihnen nichts tun. Auf dem Weg in die Stadt gab es keinen Weg am Schützenplatz vorbei. Möglich, dass sie uns wieder angreifen würden. Seitdem sind wir immer in Gruppen in die Stadt gelaufen um Lebensmittel zu kaufen.

Ein paar Tage später haben Rechtsextreme eine schwarze Person in Sangerhausen angegriffen. Sie haben ihn fast tot geschlagen und sein Geld und Handy geklaut. In dieser Nacht habe ich mich entschieden Ostdeutschland zu verlassen. Freunde haben mir geholfen in Baden-Württemberg eine Wohnung zu finden. In Sangerhausen gab es viele nette Leute, wir haben Kaffee getrunken und Sport gemacht. Aber ich habe mich nicht mehr sicher gefühlt.

Im Westen habe ich viele Freunde gefunden. Aber manche wollen uns auch hier nicht haben.
Sie fragen:

Woher kommst du?
Warum seid ihr so?

Ich frage mich: Wer sind diese „Ihr“ eigentlich? Wieso sollte man die Persönlichkeit eines Menschen mit dem Herkunftsland verbinden?

Der eine äußert Extremismus in Gewalt. Der andere in Worten.

Wir selbst haben Extremismus in unserem Land erlebt: Der „Islamische Staat“. Es gibt sicher viele Unterschiede, aber wenn ich in allen Fällen von Extremismus spreche meine ich: Überall werden bestimmte Gruppen von Menschen diskriminiert. Oft wird Gewalt angewendet.

Wir müssen gegen Extremismus kämpfen. Aber nicht mit Gewalt, sondern mit Liebe. Ich sage den Menschen, die gegen uns sind: Ich mag euch trotzdem.

Beitragsfoto: Maximilian von Lachner

Nour Al Eid
Nour Al Eid
redakteur5@wirklichwahr.org

Nour Al Eid war Teil der wirklich\\wahr-Redaktionen "\\zeitlupe" & "\\extrem".

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