Rote Armee Fraktion: 34 Tote, 230 Verletzte – Extremismus der 70er

Seit dem 11. September 2001, der Zerstörung der Türme des World Trade Centers in New York, scheint es so, als hätte „nine-eleven“ den Begriff Terroranschlag erst definiert. Als ob die Gefahr von Attentätern erst durch Einfluss anderer Kulturen entstanden sei. Wer das glaubt, vergisst die jüngste Geschichte.

Mai 1970, die Geburtsstunde der Roten Armee Fraktion, kurz RAF. Ihre Mission: der Kampf gegen den Kapitalismus. Die Terrororganisation stemmte sich mit Gewalt gegen militärischen Einsatz, die amerikanische Schutzmacht, Wiederbewaffnung, Westintegration sowie gegen atomare Aufrüstung. Ihr Name, eine ideologische Verbindung zur Sowjetunion, zur DDR, zum Sozialismus. Inspiriert von der „Roten Armee Russlands“. Sie sah sich als Teil einer Fraktion, einer internationalen linken Bewegung.

Die Organisation zündete Bomben in amerikanischen Militäreinrichtungen auf deutschem Boden, in den Gebäuden deutscher Sicherheitsbehörden und Medienunternehmen. Ihr Ziel: Politiker, Menschen der Öffentlichkeit. RAF und Bundesregierung, beide hatten die eigenen Interessen vor Augen, nahmen Opfer hin. Das Land erlebte einen Schreckzustand, den es seit 1945 nicht mehr kannte. Große Teile des linkspolitischen Spektrums sahen die RAF als „soziale Protestbewegung“.

Was verleitet Menschen dazu, politische Forderungen mit Terror umzusetzen? Wer verschreibt sein Leben dieser Art von Wiederstand? Ulrike Meinhof, Mitbegründerin der Roten Armee Fraktion, lebt bis 1970 als angesehene Journalistin. Sie bewegt sich in der High Society von Blankenese, dem gesellschaftlichen Elitestadtteil Hamburgs. Spannungen in ihrer Ehe zerreißen sie.

Im April 1968 schießt ein Rechtsextremist drei Mal auf eine gute Freundin Meinhofs – zwei Kugeln in seinen Kopf, eine in die Schulter. Rudi Dutschke, der 1960er Studentenbewegung wird lebensgefährlich verletzt. Von diesen Erfahrungen geprägt, gleitet Ulrike Meinhof immer weiter ab. Sie wird linker, extremer, radikaler.

Erdmann Wingert lebte nur einige Straßen entfernt von Ulrike Meinhof. Er bewegte sich in den gleichen gesellschaftlichen Kreisen, wohnte auch in Blankenese. Während seines Studiums schreibt er als Redakteur für Konkret. Seine Chefredakteurin: Ulrike Meinhof.

„Dass die Meinhof in Radikalität und Untergrund abtauchte, war ein Schock. Davor hatte ich sie als kluge und engagierte Person schätzen gelernt. Was sie schrieb, hatte Hand und Herz“.  

Seit 1960 arbeitet Meinhof für das linke Magazin Konkret. Sie übernimmt die Chefreaktion von Klaus Rainer Röhl und heiratet ihn 1961. Meinhof kritisiert, den Kalten Krieg, militärische Beteiligung am Vietnamkrieg, Wiederbewaffnung, Antikommunismus – die Politik Adenauers, Erhards und Kiesingers.

Ich hatte nur ein „distanziertes Verhältnis“ zur Meinhof, interessierte sie sich für meine Themen (Umweltschutz, Ökologie und Nachhaltigkeit; Anmk. d. Redaktion) doch höchstens am Rande, wenn überhaupt. Bis auf ein paar kurze Kontakte innerhalb der Redaktion und der Tatsache, dass wir beide in der „gutbürgerlichen Ambiente“ von Hamburg-Blankenese lebten, hatten wir kein inniges Verhältnis zueinander.

Woran ich mich jedoch erinnere: Sie war eine beeindruckende Frau und hatte viele Verehrer in der „Blankeneser Schickeria“. Darunter seien auch Größen genannt wie Spiegel-Chef Rudolf Augstein, Dichter Peter Rühmkorf und Journalist Stefan Aust. 

Foto: Bundesarchiv

Die SED Führung der DDR unterstützt das Magazin Konkret finanziell. 1968 entscheidet sich Röhl, als Herausgeber, die Zeitung umzugestalten – Abwendung vom Marxismus hin zu einer moderateren Einstellung des Magazins. Der SED und Ulrike Meinhof gefallen diese Entwicklungen nicht. Es kommt zu Machtkämpfen innerhalb des Magazins, zur Trennung Röhls und Meinhofs. Mit ihren Zwillingstöchtern verlässt Ulrike Meinhof die Konkret-Redaktion und reist nach Berlin. In der Hauptstadt finanziert sie den Lebensunterhalt ihrer Familie unter anderem durch einen Lehrauftrag für Publizistik an der Freien Universität Berlin.

1968 begehen Andreas Baader und Gudrun Ensslin Brandstiftung in einem Frankfurter Kaufhaus. Meinhof lernt die Beiden bei einer Recherche über den Brandanschlag kennen und freundet sich mit ihnen an. 1870, ein radikaler Umbruch in Meinhofs Leben: Die Beteiligung an der gewaltsamen Befreiung Baaders aus dem Gefängnis. Es ist das erste Verbrechen, die Geburtsstunde der RAF. Noch im gleichen Jahre reisen Mitglieder der neu gegründeten Terrorgruppierung nach Jordanien. Sie werden ausgebildet in den Grundlagen des Guerilla Kampfes in einem palästinensischen Ausbildungslager. Die RAF und palästinensische Terrororganisationen, wie der „Schwarzer September“ teilen gemeinsame Ideologien: der Sturz des Kapitalismus. Sie schließen einen Pakt zur gegenseitigen Unterstützung.

Währenddessen beantragt Röhl das Sorgerecht für die Zwillinge. Der Zwist zwischen ihm und Meinhof eskaliert zum Sorgerechtsstreit. Röhl gewinnt und lässt mit Interpol nach seinen Töchtern fanden. Meinhof reagiert in dem sie die Töchter in Sizilien verschanzt – ein kleinen Dorf, drei Zimmern und eine Betreuerin. Während die Mutter sich total dem Kampf gegen das System verschreibt, geraten ihre Töchter in Gefahr in ein Lager „militanter Palästinenser“ abgeschleppt zu werden. Stefan Aust, ein früherer Verehrer von Ulrike Meinhof, erfährt von einem Aussteiger der RAF den Aufenthaltsort der Kinder. Er rettet die zwei Mädchen gerade noch rechtzeitig und bringt sie letztendlich doch zu ihrem Vater.

Bomben treffen das Hauptquartier der US-Armee in Frankfurt – das erste Ziel der RAF nach der Rückkehr aus Jordanien – der Anfang der „Mai-Offensive“ 1972. Es ist der Anfang einer Reihe von Attentaten. Polizei und Justiz sind von nun an vor dem Willen der Terroristen nicht mehr sicher.

Die Bundesregierung, damals unter Willy Brandt, reagiert mit Straßensperren und der Aufruf zur Mitwirkung der Zivilbevölkerung, der größten bisher bekannten Fahndung der Republik. Die Suche dauert einen Monat, dann war beinahe die gesamte RAF-Führung gefasst. Am 14. Juni 1972 steht vor Fritz Rodewalds Haustür in Hannover eine fremde Frau mit der Bitte in der nächsten Nacht zwei Frauen Unterschlupf zu gewähren. Er sagt zu. Doch die angespannte Atmosphäre der letzten zwei Jahre lassen in ihm Angst aufkommen – könnte es sich bei seinen Gästen um RAF-Terroristen handeln? Tatsächlich: am Nachmittag des 15. Juni  betreten Ulrike Meinhof und eine weitere Attentäterin eine Straße. Die Polizei erwartet sie bereits. Beide werden verhaftet und nach Stammheim gebracht, dem Stuttgarter Hochsicherheitsknast.

Zu dieser Zeit besuchte ich Klaus Rainer Röhl. Nach wie vor lebte er mit seinen zwei Töchtern in der Blankeneser Villa. Er zeigte mir das Haus, die von ihr ausgesuchte Einrichtung … ihr Ehebett, in welches ein paar linke Aktivisten bei einer Besetzung unter Meinhofs Führung pinkelten. Das war einige Monate nach der Trennung.

Röhls größte Sorge: Wie bringt man seinen Töchtern die Wahrheit über ihre Mutter bei?

Über die Gefangenschaft der Terroristen verstreuen sich Gerüchte, die bis heute weder bestätigt noch wiederlegt werden können. Berichte der Inhaftierten über unmenschliche Haftbedingungen und psychische Folter: kahle Wende, Isolation, durchgehend grelles Licht. Im Herbst 1974 wird die Atmosphäre immer angespannter. Es kommt zum Massenhungerstreik. Die Insassen fordern bessere Haftbedingungen.

Am 9. Mai 1976 betritt ein Beamter Ulrike Meinhofs Zelle. Sie häng, ein Strick um ihren Hals: Sie hat sich am Fenstergitter aufgehängt. Todesursache: Suizid. Linke gesellschaftliche Kreise reden über Mord. Mord durch die Hand des Staats – „Isolationsfolter“. Handelt es sich um Machtmissbrauch von Justiz und Staat oder um politische Manipulation der RAF?

Der „Deutsche Herbst“, eine Zeit politischer Anspannungen und Konflikte, geprägt von Terrorangst und staatlicher Lähmung. Die Attentate der RAF zielten auf Politiker, Menschen der Öffentlichkeit, keinesfalls auf die Zivilbevölkerung.

Als normaler Bürge fürchtete man die Fahnder beinahe mehr als die Terroristen. So herrschte Angst, dass die „Staatsgewalt zu einer Hexenjagd gegen alles Linke eskalieren könnte“. Ich selbst wurde Anfang der 70er festgenommen. Es bestand wohl eine gewisse Ähnlichkeit zu einem RAF- Mitglied, Günther Sonnenberg, der erst kürzlich zwei Grenzbeamten erschossen haben sollte. Ähnliches geschah meiner Frau. Sie glich angeblich Ulrike Meinhof. Obwohl wir keine weiteren Schäden davon trugen, zeigt das doch die Anspannung dieser Zeit.  

Die Motive der linksextremen Roten Armee Fraktion – Protest gegen Atomkraft, Kalten Krieg, militärischer Einfluss und so weiter – erscheinen aus heutiger Sicht plausibel, gar moralisch. Aber können noch so ehrenwerte Motive diesen brutalen Weg des Protests rechtfertigen?

Ulrike Meinhof und ich waren Kriegskinder. Die Folgen der Nazizeit waren Alltag: „Bomben, Ruinen, Vergewaltigung, Hunger“. Auf die Frage, wie es dazu gekommen sei, wollten oder konnten unsere Eltern nicht wahrheitsgemäß begegnen – die Antwort mussten wir selbst finden.

In der außerparlamentarischen Opposition der Adenauer-Ära war man sich über die Inhalte des Protests einig, sie waren richtig und nötig. Differenzen entstanden, wenn es um die Umsetzung dieses Protestes ging und um die „Grenzen der Gewalt“. Ulrike  Meinhof war „kämpferisch“. Aber das waren wir alle. Der Unterschied lag darin, dass sie versuchte Gewalt mit Gewalt zu bekämpfen.

Der Kampf der RAF ging nach dem Tod Ulrike Meinhofs weiter. Der ersten Generation der Terrororganisation folgten noch zwei weitere — erfahrener, erfolgreicher und gewalttätiger. Als 1985 ein RAF-Kommando ein Sprengstoffattentat auf die Rhein-Main-Air-Base verübt, sterben zwei Menschen, etliche werden verletzt. Sogar die inhaftierten RAF-Terroristen der älteren Generation sind geschockt von dieser Brutalität.

Die Rote Armee Fraktion löst sich 1998 in einem öffentlichen Schreiben auf. Bis heute sind die meisten Verbrechen der dritten Generation unaufgeklärt, Attentäter unbekannt und frühere Mitglieder auf der Flucht.

Gesellschaftliche gebildete Eliten verschreiben sich dem Terrorismus. Sie wollen einen Wandel der Gesellschaft erzwingen, das bestehende System stürzen. Sie sehen den Weg in Gewalt. Sie rechtfertigen die Gewalt mit Gewalt.

Die Leidenden: 34 Tote und 230 Verletzte.

 

Quellen und Zitate:

BpB, Wikipedia, Lemo, rafinfo, Erdmann, „soziale Protestbewegung“: http://www.bpb.de/geschichte/deutsche-geschichte/geschichte-der-raf/49218/definition-von-terrorismus

Mareike Munsch
Mareike Munsch
redakteur18@wirklichwahr.org

Mareike Munsch war Teil der wirklich\\wahr-Redaktionen "\\digital" im Herbst 2019.

Keine Kommentare

Kommentieren