Foto: Zoe Bunje

Schwarz und Weiß

Eine junge Frau erfährt, dass ihr Freund die AfD wählt. Er will ein Deutschland ohne Ausländer. Sie ist schwarz. Was macht das mit einer Liebe?

„Was bedeutet Liebe für dich?“, frage ich Julia. Sie ist 26, studiert Tourismuswirtschaft, ihre Mutter ist in Deutschland geboren, ihr Vater in Nigeria.  Julia muss lange nachdenken, bevor sie auf meine Frage antwortet. Sie stützt ihren Kopf auf ihre Hände und grübelt. Zwischendurch grinst sie ein wenig, wir lachen. Liebe bedeutet für sie Respekt. Wertschätzung. „Den Partner so akzeptieren, wie er ist.“ Julia ist schwarz. Vor wenigen Tagen hat sie sich von ihrem Freund Paul getrennt. Paul wählt die AfD.Julia ist meine Mitbewohnerin. Sie hat immer eine Packung Nudeln oder Tomatensauce für mich übrig. Wenn ich vergesse einen Topf zu spülen, lacht sie, anstatt wütend zu werden. Ihr Lachen beginnt meistens mit einem leichten Grinsen, steigert sich dann, ergreift ihren ganzen Körper, bis ihre dunkelbraunen Locken wippen. Julia trägt gerne Blumenmuster, die passen zu ihren sanften Gesichtszügen.

Seit neun Monaten wohnen wir gemeinsam in dieser Wohnung mit riesigem Bad und Spülmaschine, die wir uns nur leisten können, weil unsere Stadt klein und unsere Hochschule noch viel kleiner ist. „Vor knapp zwei Jahren hat mich mein Optiker gefragt, ob ich an einem Angebot für Minderjährige interessiert bin“, erwidert sie unter Lachen, als ich nach Hause komme und ihr erzähle, dass ich im Supermarkt nach meinem Ausweis gefragt wurde. Ich hatte Sekt gekauft.

Heute, ein Nachmittag im November: wir sitzen am Tisch unserer WG- Küche. Durch ihre zusammengesunkene Haltung wirkt Julia sehr klein, viel kleiner als sonst mit ihren 1,66 Metern. Ich möchte ihr nicht zu nahetreten. Sie nicht verletzen. Also zögere ich, bevor ich meine Fragen stelle. Julia bemerkt, dass ich mich unwohl fühle. „Frag was immer du magst“, ermutigt sie mich. Wir essen Schokoladen-Fondue. Das tun wir meistens, wenn wir über schwierige Themen sprechen. Als würde die Schokolade ein wenig Gewicht von unseren Schultern nehmen.

Wir erzählen uns heute nicht die Erlebnisse der letzten Tage. Ich bitte sie stattdessen um eine Geschichte, die ich schon kenne. Eine Geschichte, die ich dieses Mal aufschreiben möchte. Es geht um Paul, ihren ehemaligen Freund. „Wir haben uns im September über eine Dating- App kennengelernt“, erzählt sie mir. Eine Woche schrieben sie, trafen sich dann in einer Bar. Nach dem ersten Treffen sahen sie sich für zwei Wochen jeden Tag. „Eigentlich hatten wir uns erst eine Woche später wiedersehen wollen, aber er hat mich schon am nächsten Tag gefragt, ob ich mich direkt wieder mit ihm treffen möchte.“

Als sie mir davon erzählt, lächelt sie zwar, vermeidet aber Blickkontakt. Julias Augen wandern durch den Raum, finden keinen Halt.

„Eines Tages stand der Gärtner vor Pauls Wohnung. Er hat gefragt, ob ich Pauls Freundin bin“, erzählt sie. „Zu dem Zeitpunkt hatten Paul und ich uns ein paar Mal getroffen, waren uns auch körperlich nähergekommen. Aber definiert haben wir unsere Beziehung nie.“ Paul antwortete ja auf die Frage des Gärtners. Er sagt auch ja, als Julia ihm die gleiche Frage wenige Minuten später stellt. „Das hat mich überrumpelt, aber gefreut.“ So kommen die beiden zusammen. Es gibt keine große Liebeserklärung. Für beide steht fest, dass es passt, dass sie sich mögen.

Ich frage weiter. Wie hat sie von Pauls politischer Einstellung erfahren? Julia erzählt, dass sie oft beim Essen über ganz verschiedene Themen geredet haben. Auch Politik. „Ich habe gemerkt, dass er sich gegen Flüchtlinge äußert, Merkel nicht leiden kann.“ Je länger sie sich unterhalten, desto extremer drangen seine Ansichten nach Außen. „Ich habe ihn eigentlich nur aus Spaß gefragt, ob er die AfD wählt.“ Plötzlich wird Julia lauter, bestimmter. „Er hat nur gegrinst. Das war Antwort genug.“ Sie wird schneller, als sie fortfährt: „Er war überrascht, dass mich das so aufregt. Hat versucht mich zu umarmen, aber das habe ich nicht zugelassen. Ich war enttäuscht.“

Es gibt Menschen, die schreien, wenn sie wütend sind, die allein mit ihrer Stimme ganze Räume für sich einnehmen. Julia ist anders: „Ich war wütend, habe erstmal probiert Argumente zu bringen und dann doch geschwiegen. Paul hat immer gesagt, dass ich in solchen Situationen zum Eisklotz werde.“ Mit den Worten: „Das heißt ja nichts“, versuchte Paul, seine politische Einstellung zu relativieren. „Trotzdem habe ich ihn erstmal nicht an mich ran gelassen“, erzählt Julia. Es habe bestimmt eine Stunde gedauert bis sie wieder aufgetaut sei. Bis sie versucht habe, die Leere zwischen ihr und Paul mit Worten zu füllen.

Ich kann mich noch an den Abend erinnern, an dem Julia mir das erste Mal von Pauls politischen Ansichten erzählt hat. In meiner Erinnerung läuft sie durch die Küche. Ihre Sätze enden mit Fragezeichen. Fragezeichen, auf die – nicht wie sonst – auch eine Antwort folgt. „Wie kann er die AfD wählen, obwohl er mit mir zusammen ist? Ergibt unsere Beziehung so überhaupt Sinn? Kann das so weitergehen?“

Julias Oma macht schon seit Jahren immer wieder rassistische Anmerkungen. Der gruselige Schwarze im Drogeriemarkt will Julia bestimmt entführen. Die Flüchtlinge sind die Einbrecher. Wer soll das sonst gewesen sein? Sie äußert sich niemals direkt gegen Julia. Aber immer gegen Ausländer.
Im Gespräch mit mir sucht Julia Entschuldigungen für ihre Oma: „Ihr geht es nur darum, eine Bemerkung abzulassen. Anfangs habe ich probiert ruhig mit ihr zu diskutieren, aber sie kann ihr Verhalten nicht begründen. Natürlich stört mich ihr Verhalten, aber ich nehme es ihr nicht so übel. Mittlerweile ignoriere ich das meiste.“

Bei Paul ist das anders. Paul ist war ihr Freund. Aber das ist nicht der einzige Grund, warum sie sein Verhalten so verletzte. Er sei noch jung, 29. Müsse es aber auch ohne die Beziehung zu ihr besser wissen. „Pauls politische Einstellung hat mich sehr aufgeregt. Ich bin wütend geworden. Dafür fehlt mir noch heute das Verständnis. Das Thema kam aber nicht oft auf. Deswegen habe ich nicht darüber nachgedacht, die Beziehung zu beenden.“

Zu Anfang unseres Gesprächs saß Julia zusammengesunken. Sie sprach so leise, dass ich mich ein wenig zu ihr lehnen musste, um sie zu verstehen. Jetzt sitzt sie aufrecht. Spricht lauter. Schaut mich an. Sie erzählt, wie sie in ihrer weiteren Beziehung mit Pauls politischer Einstellung umgeht: mit Gesprächen. Sie diskutierten nach ihrem Essen noch zwei, drei Mal über Politik: Er wolle nur keine Ausländer im Land, die sich nicht benehmen könnten. Merkel habe schließlich nichts verändert, da müsse er radikaler wählen. Würde er entscheiden können, er wolle ein deutsches Deutschland. Ohne Ausländer. Ohne Julia.

„Ist das noch Liebe?“, ich stelle die Frage leise. Habe Angst, damit eine Grenze zu überschreiten. Julia zu verletzen. „Ich hatte nie das Gefühl, er hätte lieber eine blonde Freundin“, sagt Julia. Sie macht eine kurze Pause. „Der Gedanke, dass er etwas gegen mich hat, kommt aber natürlich auf.“ Grund für eine Trennung sei Pauls politische Einstellung – trotz Allem – aber nie gewesen.
Ich möchte mit Paul sprechen. Verstehen, wie er die Beziehung zu meiner Mitbewohnerin mit seiner politischen Weltsicht vereinbaren konnte, wieso er sich jemals mit Julia traf. Ich schreibe ihm eine 50-zeilige Nachricht auf WhatsApp und bitte ihn, mich direkt zu kontaktieren. Er antwortet nicht. Am nächsten Tag erfahre ich von Julia, dass er nicht mit mir sprechen möchte. Dass ich nur anonym über ihn schreiben soll.

Ich suche auf anderem Weg nach einer Erklärung. Thomas Kliche lehrt als Professor für Politische Psychologie an der Hochschule Magdeburg- Stendal: „Rassismus beruht häufig auf verdrängten Wünschen und verdrängter Faszination“, erklärt Kliche. So hätten die Nationalsozialisten den Juden positive Eigenschaften wie einen engen Zusammenhalt und gegenseitige Unterstützung zugeschrieben. Diese Eigenschaften jedoch negativ ausgelegt und damit ihre Verfolgung gerechtfertigt. Es sei gar nicht überraschend, dass Paul Julia als Person faszinierend finde, aber dennoch Menschen mit schwarzer Hautfarbe oder vermeintliche Ausländer aus Neid ablehne. Neid auf Stereotype – wie beispielsweise viele Kinder und einen starken familiären Zusammenhalt.

Durch ausländische Freunde oder einen ausländischen Partner werde es sogar einfacher, rassistisches Verhalten zu rechtfertigen. „Ich habe viele ausländische Freunde,“ stehe in der Diskussion mit Rechtsextremen häufig für „ich kenne mich aus und habe daher das Recht zu urteilen.“
Auch wenn Paul mit Julia über Politik diskutiert, beurteilt Kliche die Situation nicht als ausgeglichen. Paul erlaube Julia zwar Argumente zu äußern, lässt die Diskussion aber niemals zu einer Lösung oder einem Kompromiss kommen. „Er erlebt sich in den Diskussionen als großzügiger Gentleman und hat zusätzlich die Möglichkeit politisch die Sau rauszulassen“, vermutet Kliche. „Er stellt sich ganz klar über sie.“

An diesem Novembernachmittag haben wir unser Schokoladen- Fondue beinahe aufgegessen. Julia tunkt die letzte Weintraube in Schokolade „Ich hoffe, dass irgendwann kein Unterschied mehr zwischen Menschen gemacht wird. Wenn sich Freunde von mir rassistisch äußern, suche ich immer wieder die Diskussion. Wie damals mit Paul. Ich möchte Anreize zum Nachdenken geben.“

Es dauert einige Tage, bis ich diese Geschichte aufgeschrieben habe. Eine Geschichte über Julia, die liebt, obwohl sie in ihrer Beziehung mit Ablehnung konfrontiert wird. Über Paul, der – trotz schwarzer Freundin – die AfD wählt. Über Julias Oma, die Angst vor Menschen, Kulturen, Religionen hat, die sie nicht kennt.

Eine Frage drängt in mein Bewusstsein: bin ich ihnen allen nicht viel ähnlicher, als ich zugebe? Bin ich nicht auch oft Julia und blicke über Probleme hinweg, die ich nicht lösen kann?
Bin ich nicht auch oft Paul und verstricke mich in Widersprüche?
Bin ich nicht auch oft Julias Oma und habe Angst, weil jemand anders wirkt?
Ich habe mich mit Julia zusammengesetzt, um etwas über ihre Beziehung zu Paul zu erfahren. Gelernt habe ich auch viel über mich.

Zoe Bunje
Zoe Bunje
redakteur28@wirklichwahr.org

Ich bin Zoe, 20 Jahre alt. Eigentlich studiere ich Medienwirtschaft und Journalismus in Wilhelmshaven, da es aber im November für mich zu ZEIT Campus und danach hoffentlich für ein Auslandssemester nach Mexiko geht, mache ich gerade ein Urlaubssemester und probiere so schnell wie möglich Spanisch zu lernen. | Zoe war Teil der wirklich\\wahr-Redaktionen "\\extrem" im Herbst 2018 sowie "\\corona" im Frühjahr / Sommer 2020.

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