Demonstration in Kandel, Rheinland-Pfalz

Volksbingo in Kandel

Vorbemerkung: Der Artikel entstand im Rahmen der wirklich\\wahr-Lehrredaktion \\extrem im November und Dezember 2018. Die im Artikel beschriebenen Demonstrationen in Kandel fanden im Jahr 2018 statt. Laut der taz im Februar 2019, seien die Demonstrationen durch eine Baustelle gestoppt worden.

2018 demonstrieren Rechte im rheinland-pfälzischen Kandel. Unseren Autor nervt das. Er wohnt nicht weit weg, also geht er hin. Seine erste Demo.

Ich stehe zwischen zwei Fronten, von beiden Seiten ohrenbetäubender Lärm – gefüllt mit Provokation und Hass. „Haut ab!“ ertönt es von der linken Seite. Auf den Transparenten steht „kein Mensch ist illegal“. Die rechte Seite erwidert „scheiß Antifa!“ und hetzt im gleichen Atemzug gegen Ausländer und andere Minderheiten. Der Schlag einer Trommel gibt den Takt vor. Es wird gebrüllt und gesungen.

Kandel – knapp ein Jahr nach dem Mord an einer 15-Jährigen kommt es in der 8000-Seelen-Stadt Monat für Monat zu Protesten. Ich komme selbst aus der Gegend und kann nicht begreifen, dass es so etwas bei uns in der Nähe gibt. Man wirft uns jungen Menschen ja gerne vor, nicht politisch zu sein. Ich bin es. Deshalb will ich demonstrieren und besuche Anfang Dezember die Kundgebung von „Kandel gegen Rechts“. Diese ist eine Reaktion auf die rechten Demonstrationen des „Frauenbündnis Kandel“. Es ist meine erste Demo.

Auf dem Weg nach Kandel sitzt gegenüber von mir in der Regionalbahn ein Mann mit Sonnenbrille und einer verdächtigen grauen Kutte. Die Fahrgäste schauen ihn misstrauisch an. Mein erster Gedanke: Mist, einer der anderen Seite. Wenn hier im Zug schon so einer sitzt, kann das ja noch was werden.

Gegen 11 Uhr komme ich in der Stadt an. Gähnende Leere auf den Straßen, nur ein paar freiwillige Helfer sind schon da. Den verdächtigen Mann aus dem Zug treffe ich zu meiner Verwunderung wieder. Er heißt Nico De Zorzi und ist bei der Satirepartei „die PARTEI“ in Kandel. Er leitet die Demonstration, auf die ich will. So kann man sich täuschen.

Foto: Lucas Kehrer

Ich komme mit einigen der Helfer ins Gespräch. Als ich meinen Rucksack in eine Einfahrt legen will, werde ich gewarnt: Es könnte eine Anzeige wegen Hausfriedensbruchs geben. Einer der Helfer, ein älterer Mann aus Kandel, erzählt, dass er die Anwohnerin aus Schulzeiten kenne. Er glaubt, dass sie die rechten Demos unterstützt. Aber genau weiß er es nicht. Wenn noch nicht einmal Kandler wissen, wem sie vertrauen können. Wie gespalten ist diese Stadt? Generell habe ich den Eindruck, die Kandler haben keine Lust mehr auf die Proteste. Zum Kotzen sei das alles, sagt ein Künstler aus der Stadt. Viele gehen genervt weiter.

Die Antifa ist zuerst da, sie kommt zum Beispiel aus Karlsruhe und Heidelberg. Ich muss an die Bilder von G20 denken. Brennende Barrikaden und Autos. Hier schwingen sie zwar stolz ihre Fahnen, aber die Begrüßung untereinander ähnelt mehr der in einem Fußballverein. Angst, dass Autos später brennen, habe ich nicht. Ohne „Feinde“ wirkt die Gruppe recht entspannt.

Dann beginnen die Redebeiträge bei „Kandel gegen Rechts“. Es gibt kostenlose Getränke und einen Infostand. Mitglieder der “PARTEI“ zeigen mir ihr Demospiel: „Volksbingo“. Es spielt mit der Rhetorik der gegenüberliegenden Seite. In ein normales Bingofeld trägt man Begriffe ein, die mit hoher Wahrscheinlichkeit von Populisten verwendet werden. Schmarotzer, Afrika, Deutschland oder Missbrauch.

Foto: Lucas Kehrer

Kurz vor 14 Uhr kommen die Rechten. Mit ihren gelben Warnwesten sammeln sie sich langsam auf dem Bahnhofsvorplatz. Unter tosendem Lärm wird Marco Kurz, der Leiter des Frauenbündnis, von den Gegendemonstranten begrüßt. Wir können die Kundgebung sehen, aber wir sind immer noch lächerlich weit weg, dafür, dass Protest in Hör- und Sichtweite versprochen wurde.

Mit den Westen lehnen sich die Teilnehmer an die französische Bewegung der „Gelbwesten“ an. Ich denke mir: Viele Gemeinsamkeiten haben die Demonstranten vom Frauenbündnis mit dem französischen Vorbild nicht. In Frankreich geht es um Steuern und gegen den Präsidenten, in Kandel geht es bisher um Rassismus und Hass.

Da drückt mir jemand eine graue Warnweste in die Hand. „Der graue Block – frei, bequem, dingsextrem“, steht auf dem Rücken. Nicht nur eine Anspielung auf die gelben Westen der Gegner, sondern auch eine Hommage an den „bösen schwarzen Block“, erklärt Nico. Die Idee kommt von der „PARTEI“. Ich streife mir die Weste über. Zu Beginn eigentlich nur, weil ich das witzig finde. Später auch, um gegen die „Gelbwesten“ auf der anderen Seite zu sticheln. Menschen sprechen mich an, fragen was auf der Weste steht. Ich fühle mich langsam als Teil der Demo.

Als Kurz seine Rede beginnt, wünsche ich mir einen Mitspieler für das Volksbingo. Immer wieder plärrt er rassistische Parolen ins Mikrofon. Dazwischen Beleidigungen, Verschwörungstheorien. Er sagt immer wieder „Achtung, Satirewarnung“ – aber lustig ist das nicht. Neben mir nennt einer Kurz „kleiner Göbbels“. Passt irgendwie.

Wer tut sich das freiwillig an? Immerhin 200 Menschen. Stolz tragen sie das „mobile Denkmal der Schande“ auf dem angeblich die „Wahrheit“ stünde. Ich sehe nur eine Wäscheleine mit Artikeln von fragwürdigen Webseiten voller Fake-News.

Foto: Lucas Kehrer

Nach den Kundgebungen beginnt der Marsch des Frauenbündnisses. Die Gegendemonstranten rennen los, zur ersten Einmündung. Sie wollen näher ran, vielleicht sogar blockieren. Mehr als laut ist es dort aber nicht. Die eine Seite brüllt „Kandel wird zu Stalingrad“, die andere grölt „dumm, dümmer, Antifa“. Auf der Seite des Frauenbündnis ragen Schilder mit der Aufschrift „Trump – unser größtes Glück“ aus der Masse, auf der anderen ein Schild, das die Gelbwesten parodiert: „Wir fordern eine Spritpreisbremse – Alkohol muss bezahlbar bleiben“.

Ich stehe nebendran und esse Döner. Ich bin entspannt, der anfängliche Schock hat sich gelegt. Irgendwann muss man ja auch mal essen.

Als Kurz und seine Anhänger weiterziehen, stellt sich die Antifa in den Weg. Die Polizei räumt nach wenigen Minuten. Ich halte mich zurück. Eine Weile stehe ich noch rum, aber viel passiert nicht mehr. Zeit für den Heimweg.

Im Zug lasse ich den Tag Revue passieren. Ich bin fasziniert – Partei ergreifen, Meinung äußern, das Ganze auch mit Humor. Andererseits denke ich mir: Wie können Menschen den Worten der Populisten vor Ort zuhören? Ich finde das erschreckend. Und es fällt mir immer noch schwer zu glauben, dass sie es ernst meinen. Ich muss an einen Mann mit gelber Weste denken, der einem genervten Passanten unbedingt seine Meinung aufdrücken wollte.

Trotzdem finde ich es gut, dass alle demonstrieren dürfen. Auch wegen banalem Müll. Und dass es Menschen gibt, die sich diesem banalem Müll entgegenstellen.

Aber auch in der Gegendemo habe ich mich nicht immer wohl gefühlt. Der zum Teil blinde Hass auf die Polizei war abschreckend. Es wurde oft gesagt, dass nur „wir Linken“ Gewalt erfahren, aber der Erste, der auf die Nase bekam, war ein Rechter. Auch wenn Rechte, das lese ich später in einem Artikel, einen Gegendemonstranten nach der Demo mit einer Stahlstange verprügelt haben.

Dennoch finde ich: Protest lohnt sich, auch in der Kleinstadt. Marco Kurz, der rechte Parolenschwinger, hat am Ende gesagt: „Wir kommen wieder.“

Ich auch.

Lucas Kehrer
Lucas Kehrer
redakteur31@wirklichwahr.org

Lucas Kehrer war Teil der wirklich\\wahr-Redaktionen "\\extrem" im Herbst 2018 und engagiert sich im Erweiterten Vorstand der Jugendpresse Rheinland-Pfalz.

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