Zwischen sanft und radikal – Extremismus im Christentum

73 Prozent der Deutschen haben Angst vor Terroranschlägen. Religiös motiviert durch den extremen Islam. Aber was ist mit dem Christentum?

Religionsextremismus, das ist Islam und der IS. So denken viele Christen in Deutschland. Religionsextremismus scheint etwas zu sein, das Christen in die Opferrolle drängt. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) hat eine Beratungsstelle, bei der Menschen benannt werden, die sich angeblich radikalisieren und zu einer Gefahr für die Bevölkerung entwickeln. Tipps kommen aus der Bevölkerung. Laut BAMF ist es Aufgabe der Mitarbeiter, die Gemeldeten „aus der Radikalisierungsspirale zurück in die Familie, die Klasse und den Freundeskreis“ zu holen. Versprochen werden außerdem Antworten auf Fragen zur Zukunft des Betroffenen und die Vermittlung von Ansprechpartnern vor Ort. Eine Anleitung, wie man extremistische Anzeichen erkennen soll, gibt das BAMF auf seiner Webseite nicht: „Es gibt keine feste Checkliste von Anzeichen, aus denen man klar schließen kann, dass ein Mensch radikal wird“, erwidert es auf Nachfrage nach solchen Richtlinien. Alle Informationen der Beratungsstelle beziehen sich ausschließlich auf Radikalisierung im extremen Islam. Was aber ist mit anderen Religionen? Gibt es, etwa im Christentum, keinen Extremismus? Und ab wann gilt eine Religion als extremistisch?

Für manche beginnt die Vorweihnachtszeit mit Einkaufstrubel, andere suchen Stille zuhause oder in Kirchen. Die eigentliche Botschaft des Advents wird oft verdrängt. Es geht um das Warten auf den Messias, auf seine Wiederkunft – es geht um das Ende der Welt. Von diesem Wiederkommen sprechen Bibeltexte, die am Ende des Jahres und zu Beginn der Adventszeit in der Kirche vorgelesen werden. In dem Evangelium zum ersten Advent steht: „Dann wird man den Menschensohn in einer Wolke kommen sehen (…) Wenn dies beginnt, dann richtet euch auf und erhebt eure Häupter; denn eure Erlösung ist nahe.“ Seit 2000 Jahren gab es immer wieder Gruppen, die diese Botschaft extrem lebten. Bibeltexte wurden wörtlich interpretiert, andere Glaubensformen als ungenügend abgetan. Allen Sekten war gemein: sie sahen sich als die einzig wahren und würdigen Wartenden auf den Messias. Glaubensgemeinschaften mit extremen Lebensweisen sind zum Beispiel die Zeugen Jehovas. Sie sind der Meinung, dass die Bibel frei von Widersprüchen oder Irrtümern ist. Das wahre Wort Gottes, niedergeschrieben in einem Buch. Andere extreme Lebensweisen gibt es bei Organisationen wie Opus Dei und der Piusbruderschaft. Eine besondere Form des religiösen Extremismus geht auf eine psychische Erkrankung zurück: das Jerusalem-Syndrom.

Dr. Eckhard Türk, Experte im Bischöflichen Ordinariat für Religions- und Weltanschauungsfragen in den Diözesen Mainz und Speyer definiert: „In der Bundesrepublik Deutschland wird im Allgemeinen in der Forschung und bei Behörden unter „religiösem Extremismus“ eine politische Ideologie (…) oder Handlungen verstanden, die aus religiösen Gründen den demokratischen Verfassungsstaat, das Grundgesetz und die freiheitlich-demokratische Grundordnung radikal ablehnen und für deren Beseitigung tätig sind. Religiöser Extremismus kommt in allen Religionen vor.“ Auch im Christentum. Der religiöse Extremismus unterstütze die Entstehung einer Diktatur oder Theokratie, eine göttliche Herrschaft, die weder Menschen-, noch Freiheitsrechte anerkenne.
Zu allen Zeiten gab es Formen des Christentums, die genauso extremistisch, menschenverachtend und tödlich waren, wie die des radikalen Islamismus.

Ein Bespiel ist das Täuferreich von Münster. Eine ursprünglich lutherische Reformation unter Führung des Prädikanten, des Laienpredigers Bernhard Rothmann. Sein Machtzentrum hatte das „Täuferreich“ im „Neuem Jerusalem“, das die Glaubensgemeinschaft in der Stadt Münster entdeckt zu haben glaubte. Das Reich bereitete sich in den 1530er Jahren auf die Wiederkunft Christi vor. Seine Eiferer wollten unübertrefflich sein, heilig. Sie hielten andersgläubige Menschen für „ewig Verlorene“ und duldeten kein anderes christliches Bekenntnis. Kritiker wurden ermordet. Bücher vorangegangener Zeit wurden verbrannt, wenn sie Glaubensbotschaften vertraten, die nicht mit dem Täuferreich vereinbar waren.

Ein weiteres historisches Beispiel sind die Kreuzzüge: Sie wurden unter dem Vorwand „Gott will es“ geführt. 1212 werden tausende Kinder und Jugendliche verpflichtet, als Soldaten an den Kreuzzügen teilzunehmen. Auch Hexenverbrennungen, das Aufspüren und Foltern von Personen, denen vorgeworfen wurde, mit dem Teufel im Bunde zu stehen, sind ebenfalls Resultat extremer Glaubensmacht.

Extremismus gehört aber nicht nur zur Vergangenheit des Christentums, sondern auch zum Heute. Das sind Glaubensgemeinschaften wie Opus Dei: Das Tragen eines schmerzhaften, metallischen Bußgürtels mit vielen Dornen rund um den Gürtel, für zwei Stunden am Tag, außer Sonn und Feiertagen ist vorgeschrieben. Er wird am Oberschenkel angelegt und die Dornen bohren sich in das Fleisch. Der Ausruf: Serviam! („Ich werde dienen!“) gehört zur morgendlichen Routine. Der Körper solle gezüchtigt und diszipliniert werden, sei eine Teilhabe am Erlösungswerk Christi.Kritiker werfen ihr vor, eine starke politische Ausrichtung zu besitzen, einige bezeichnen sie auch als „Demokratiegefährder“; insgesamt sei sie zu konservativ – rechtsgerichtet. Ein Mitglied leugnete den Holocaust. Aber auch der Glaubensgemeinschaft als solcher werden antisemitische Bemerkungen vorgeworfen. In einer Schrift von Opus Dei hieß es: „Es unterliegt keinem Zweifel, dass jüdische Autoren an der Zersetzung der religiösen und sittlichen Werte in den zwei letzten Jahrhunderten einen beträchtlichen Anteil haben.“ Für die Piusbrüder ist die Kirche „häretisch“ (ketzerisch), so sei das Buch des ehemaligen Papstes, Joseph Ratzinger, voller Glaubensirrtümer.
In einer ganz anderen Form von Extremismus denken Personen, sie wären Heilige. Das Jerusalem-Syndrom ist eine psychische Erkrankung, die Betroffenen halten öffentliche Predigten und kleiden sich wie die Zeitgenossen zu der Zeit des Heiligen. Zum Beispiel verkleidet sich der Betroffene als Petrus oder Johannes den Täufer. Er bekleidet sich mit einem weißen Bettlaken, es soll die Kleidung des Heiligen darstellen. Er stellt sich mitten in eine Menschenmasse oder auf einen Berg, um von dort aus zu predigen. Auch von ihm ausgehende Gebete sind üblich. Ein solcher „Prophet“, der australische Tourist Michael Rohan, verübte 1969 einen Brandanschlag auf eine Moschee. Jährlich sind bis zu 100 Besucher der Stadt Jerusalem von der psychotischen Störung betroffen.

Entsprechen diese Gruppierungen mit ihren extremen Weltanschauungen den Kriterien des religiösen Extremismus? Und sind sie vergleichbar mit dem Extremismus des Islams? Experten sind hier unterschiedlicher Meinung: Rüdiger José Hamm, Koordinator der Bundesarbeitsgemeinschaft religiös begründeten Extremismus sagt: „Entsprechende Gruppierungen in Deutschland, die sich auf das Christentum berufen und aktiv-kämpferisch gegen das politische System vorgehen, sind uns nicht bekannt“. Eckhard Türk dagegen erörtert: „Auch heute gibt es noch Gruppen innerhalb des Christentums, die bereit sind, ihre Anschauungen mit Gewalt durchzusetzen und die sich vollkommen intolerant gegenüber Andersdenkenden zeigen.“. Es kommt also darauf an, wie man für sich den Begriff des Extremismus definiert. Man kann mit dem Begriff zwei verschiedene Fälle bezeichnen. Zum einen ist Extremismus, wenn es zu einer aktiven Bekämpfung unseres politischen Systems kommt. Andererseits kann man all die Gruppierungen „extremistisch“ nennen, die sich von den „Andersgläubigen“ distanzieren und eine extreme politische Ausrichtung besitzen.

Dennoch wird das Christentum nicht mit religiösem Extremismus assoziiert. Das liege, so Dr. Eckhard Türk, an historischen Umständen: „Das Christentum hat geschichtlich eine Entwicklung durchgemacht, oft auch gegen Widerstände, die ihm einen Platz in modernen demokratischen Gesellschaften ermöglicht. Diese Entwicklung hat dazu geführt, dass das Christentum zum großen Teil zur Religionsfreiheit für alle Menschen steht. Diese Entwicklung steht für den Islam noch aus. Islamistische Extremisten haben in ihren Ländern nur diktatorische Vorbilder. Wenn die Islamisten aus Europa kommen, sind sie der Meinung, dass die Unsicherheiten einer modernen offenen Demokratie nur mit Diktatur zu überwinden sind“.

Das Schwarz- und Weiß Bild des guten Christentums und des bösen Islams greift also zu kurz. Aus jeder Religion, eigentlich jeder tiefen Überzeugung, kann Extremismus entstehen.

Beitragsfoto: Miriam Rüdesheim

Miriam Rüdesheim
Miriam Rüdesheim
redakteur33@wirklichwahr.org

Miriam Rüdesheim war Teil der wirklich\\wahr-Redaktionen "\\extrem" im Herbst 2018.

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