Sitzender Mann mit aufgeschlagner Zeitung

Berufszeit

Francesco Giammarco ist Redakteur der Wochenzeitung „Die Zeit“. In seinem Job ist es schwer, eine klare Grenze zwischen Arbeit und Freizeit zu schaffen. Fast unmöglich. Ein Gespräch über Zeit.

wirklich\\wahr: „Zeit ist knapper als Geld“  – Was sagen Sie dazu?
Francesco Giammarco:
Es gibt mehr Geld auf der Welt, als ich Zeit zu leben habe. Man muss Zeit schaffen, für die Dinge, die einem wichtig sind. Für manche ist es beispielsweise wichtig, nichts zu tun. Wenn sie das schaffen, dann haben sie ihre Zeit genutzt.

wirklich\\wahr:“Die Zeit“ damals und heute – Gibt es Unterschiede?
Francesco Giammarco:
Wenn vor 50 Jahren in China ein Sack Reis umgefallen ist, dann hat man am Tag darauf die Zeitung aufgeschlagen und gelesen: „In China ist ein Sack Reis umgefallen“.  Heute wäre das bereits Minuten später im Internet zu lesen. Wir leben in einer unglaublich schnellen Zeit. Der Informationsaustausch ist, im Vergleich zu vergangenen Zeiten, deutlich schneller geworden.

wirklich\\wahr: Folglich ist es einfacher Informationen zu finden.
Francesco Giammarco:
Heutzutage gibt es zu jedem Event Geschichten, Kommentare und Analysen, die zusammen ein Meer an Informationen bilden. Wahrscheinlich vereinfacht dieses Meer an Informationen nicht das Leben der Menschen, sondern erschwert es eher.

wirklich\\wahr: Früher oder heute – Was ist besser?
Francesco Giammarco: 
Alles hat seine Vor- und Nachteile. Vor dem Internet hatten Zeitungen das Monopol auf die öffentliche Meinung. Was in ihnen vorkam, hat die Welt mehr oder weniger abgebildet.  Heutzutage hat man viel mehr Möglichkeiten, Fragen zu stellen und andere Leute zu Wort kommen zu lassen. Das sorgt für Vielfalt – aber eben wieder auch zu Verwirrung.

wirklich\\wahr: Warum sind Sie Journalist geworden?
Francesco Giammarco:
In meinem Studium gab es einen Kurs, bei dem es hauptsächlich darum ging, Geschichten zu schreiben. Mir ist aufgefallen, dass mir das gut liegt. Als Journalist lernt man täglich neue Dinge – Es wird also nie langweilig.

Francesco Gimmarco
Francesco Gimmarco, Redakteur der Wochenzeitung "Die Zeit"

wirklich\\wahr: Mit welchen Themen befassen Sie sich?
Francesco Giammarco: Ich schreibe für das Ressort „Zeit zum Entdecken“. Wir berichten nicht von aktuellen Ereignissen, sondern von alltäglichen Dingen, die jeden etwas angehen.

wirklich\\wahr: Gibt es ein Projekt, das Ihnen dabei besonders im Kopf geblieben ist?
Francesco Giammarco:
Ja, das Thema „Influencer“. Ich habe einen Selbstversuch gestartet: Berühmt in vier Wochen. Ich habe mir vier Wochen Zeit genommen und versucht, auf Instagram berühmt zu werden. Für eine andere Geschichte bin ich nach Saint Tropez gefahren und habe versucht, eine Luxusjacht zu kapern. Hat beides nicht wirklich funktioniert.

wirklich\\wahr: Wie schaffen Sie es bei solchen Projekten, Frei- und Arbeitszeit zu trennen?
Francesco Giammarco:
Man hat zwar freie Zeit, wie beispielsweise das Wochenende, dafür muss ein Journalist aber mehr Ahnung über das, aktuelle Geschehen haben, als ein Arzt, Anwalt oder Bauarbeiter. Deshalb ist es selbstverständlich, dass man nicht einfach aufhört, sich mit Dingen zu beschäftigen,  sobald man Zuhause ist.

wirklich\\wahr: Im Journalismus gibt es also keine Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit.
Francesco Giammarco:
Journalismus ist ein Beruf, für den man Freizeit opfern muss. Dazu muss man aber sagen, dass viele ihn als Privileg ansehen. Vor allem in den 80er und 90er Jahren haben Journalisten im Schnitt auch ein besseres Gehalt bekommen als heute. Das hat sicher dabei geholfen, auch mal außerhalb der Bürozeit zu arbeiten.

wirklich\\wahr: Zeitreisen – Top oder Flop?
Francesco Giammarco:
Zeitreisen finde ich super. Wenn ich in der Zeit reisen könnte, dann würde ich in die Zukunft reisen und mir ein Sportmagazin kaufen, in dem die Ergebnisse der letzten Jahre drinstehen und mein Leben mit Sportwetten finanzieren.

Beitragsfoto: unsplash.com / Roman Kraft

Jens Maurer
Jens Maurer
redakteur9@wirklichwahr.org

Jens Maurer war Teil der wirklich\\wahr-Redaktionen "\\extrem" im Herbst 2018.

Keine Kommentare

Kommentieren