Freitag Nacht

Wo ich mich nun so zurückerinnere, denk’ ich an die Zeit der Jugend, an die Zeit des Leichtsinns, an die Zeit des Nehmens. So denk’ ich immer an die Nacht der Nächte, an die Nacht der Liebe, an die Nacht in der so viel geschah.

War es nicht gewesen eines Freitags Nacht, in der meine Evelin sich erschöpft niederließ auf der Decke rot wie Mohn, rot wie Blut, rot wie ihre Lippen selbst?

War es nicht gewesen eines Freitags Nacht, in der meine Evelin sich erholte vom Stress und der Aufregung der letzten Tage, in denen sie verbissen, ja fast schon getrieben, jede Minute des Tages mit ihrer Schwester am Planen war? Dass auch alles passte und nichts fehlte, es der schönste Tag im Leben werde und auch ja kein Tröpfchen roten Weines sich auf ihrem weißen Kleid ergieße.

Eine Nacht, in der mich nicht der Hunger oder Durst hinaustrieb in die Kälte des Abends, in die Finsternis der Mitternacht, nur um mich zu vergewissern, dass auch alles richtig war, nichts ungewöhnlich oder anders war als sonst. Der weiße Hauch der aus meinem Munde drang, verpuffte in den Himmel, an dem schon so lange keine Sterne standen, an dem schon so lange kein Komet mehr viel von seinem Platze, an dem schon so lange keine Strahlen des Mondes mehr die Nacht erhellten.

Und diese Freitagnacht war wie immer und doch so anders. Das bemerkte ich, als das Läuten der Glocke mich aus meinen Gedanken riss. Konnte das wirklich schon der Morgen sein? Die Glocke hatte gerade erst zu Mittnacht geschlagen. Jemand musste spielen mit dem Seil der Glocke, oder war es der Wind, der eben erst die bräunlichen Blätter, die schon vor Wochen ihre Farben verloren hatten, rascheln ließ? Ich blickte mich um und sah das Dorf im Dunkeln liegen. Außer dem Dröhnen der Glocken, das mir noch immer in den Ohren klang, war alles ruhig. Wie lange würde es wohl dauern bis einer von den Menschen, nach dem heutigen Feste tief und fest schliefen, diesen Schlaf, gezwungenermaßen unterbrachen, weil der Lärm der Glocke sie störte? Die meisten von ihnen waren heute auf meinem Hofe gewesen, um zu Tanzen, um zu Singen, um zu Trinken und um mich und meine Evelin zu beglückwünschen. Die Reichen und die Armen, alle waren geladen, und alle kamen. Alle außer der alte Frederick, jener alte Mann der sich schon seit Jahren nicht mehr aus seinem großen Hause am Waldrand traute.

Die Glocke ertönte erneut und riss mich abermals aus meinen Gedanken. Leicht bekleidet wie ich war, nur im Nachtgewand und den Pantoffeln, schlich ich mich von meinem Platze hin zum Felde, um mich auf den Weg zur Kirche zu machen.

Es war eine kalte Nacht und ich fröstelte, ich lief durch die Dunkelheit und, wenn ich mich recht zurückerinnere, freute ich mich darüber, dass es die letzten Tage nicht geregnet hatte und der Boden daher trocken war. Ich grinste bei diesem Gedanken, denn meine Evelin hatte mir immer gesagt, dass es Regen geben wird und er mit seiner Nässe alles, was sie mit ihrer Schwester geplant hatte, ruinieren würde. Ein Luftzug nahe meinen Ohren ließ mich zusammenzucken. Erschrocken drehte ich mich zur Seite. Gelbe Augen glotzten vom fast schon kahlen Baume. Eine Eule. Ich starrte sie benommen einige Minuten an, und verfolgte dann meinen Weg zur Kirche weiter. Ich lief und lief und erst das Plätschern des Baches bracht mich zum Stehen. Ich überlegte, in welche Richtung ich nun gehen sollte. Sonst hätte ich den Weg gefunden, aber in dieser Dunkelheit und bei dem Nebel, der nun über den Feldern und dem Bach aufzusteigen begann, war ich zunehmend verwirrt. Wenn man mich heute fragen würde, ich schwöre euch, ich wüsste nicht, wie ich trotz meiner Ungewissheit über den Weg die Kirche fand, aber ich tat es.

Wie dumpfe Bässe ertönte wieder das Klingen der Glocke. Die Wolken rissen auf. Mondlicht strahlte über die Felder. Ich blickte von der leichten Anhöhe, über die mich der Weg führte, herunter in das Dorf. Einige Lichter drangen von den Häusern. Ich eilte nun noch schneller zur Kirche und als ich endlich am Fuße des gewaltigen Turms stand, erschrak ich. Oben in der Kammer, hinter der Uhr, brannte Licht. Die Tür war nur angelehnt, mit einem leisen Quietschen, das von einem nicht so leisen Fluchen meiner selbst begleitet wurde, öffnete ich sie und begann meinen Aufstieg in den Turm. Ich wusste nicht, was mich dort oben erwartete – dennoch stieg ich die Stufen weiter hoch, bis ich an eine schäbige Holztür kam. Ich klopfte, und bereute es im selben Moment. Ich öffnete die Tür und alles in mir schrie: „Tu es nicht, halte dich fern!“ Ich trat ein und riss, wohl ziemlich verwundert, meine Augen auf.

Oben in der Kammer, unter den Glocken, saß zusammengekauert und zitternd der alte Frederick. Ich ging vorsichtig einige Schritte auf ihn zu. Es schien, als würde er meine Anwesenheit gar nicht bemerken oder es störte ihn einfach nicht. Bevor ich mich auf dem Boden niederließ, um mich zu ihm zu setzten, blickte ich mich in der Kammer um. Bis auf einen Stuhl, ein Kreuz, einen kaputten Uhrzeiger und das Seil, das mit der Aufhängung der Glocken verbunden war, wirkte der Raum leer und staubig. Wir saßen uns einige Minuten gegenüber und blickten uns an. Rückblickend gesehen wagte wohl niemand von uns das Wort zu erheben. Ich fragte vorsichtig, ob es ihm gut gehe und, ob er hier läuten würde, erhielt aber keine Antwort. Vorsichtig berührte ich ihn am Arm und wiederholte meine Fragen. Wieder wartete ich und erhielt keine Antwort. Plötzlich sprang er, wie vom Teufel befallen, auf und rannte mit dem Seil in der Hand zum Fenster des Turms. „Diesmal bin ich dran!“, schrie er und zeigte auf die Wolken. „Jedes Mal, wenn die Wolken in einer trüben Nacht aufreißen und sich der Mond für einen Lidschlag Ewigkeit zeigt, dann wird eine verzweifelte Seele aus dem Fegefeuer erlöst. Diesmal bin ich dran!“ er sprang freudig hin und her und murmelte wieder etwas. Ich zwang mich auf seine Worte einzugehen und wollte ihn fragen, was er mit „erlösen“ meinte, doch er kam mir zuvor: „Diese Welt ist das Fegefeuer, eine ewige Mitte“, seine Stimme zitterte bei den Worten. Angst erfasste mich. Ich nahm ihm das Seil aus der Hand. Er blickte böse. Zum dritten Mal wiederholte ich meine Fragen. Er öffnete den Mund und zeigte auf die Glocken „Damit rufe ich sie, mich zu erlösen“. Ich ließ das Seil fallen und wollte gehen, doch noch auf der Türschwelle drehte ich mich um. Was ich jetzt sah verschlug mir den Atem. Ich habe noch mit niemandem darüber gesprochen – und will das auch heute nicht.

Ich erinnere mich an diese Nacht der Nächte, an diese Nacht der Liebe, an diese Nacht in der noch so viel mehr geschah und werde schwermütig. Das alles ist lange her und viele Dinge sind seitdem passiert. Ach du, meine Liebe Evelin, vergib mir, dass ich in dieser Nacht nicht immer bei dir war.

Ich schüttele mich vor der Kälte und zittere, während ich mir die eisigen Hände reibe. Diese Freitagnacht ist genauso kalt wie damals. Der Himmel ist genauso mit Wolken verhangen und wie in jener Nacht stehe ich auf dem Kirchturm. Ich blicke hinunter zum Friedhof, wo meine süße Evelin liegt und eine Träne kullert mir über die Wange. „Jetzt ist es soweit“, sage ich leise. In diesem Moment verändert sich die dunkle Nacht, die Wolkendecke reißt auf und Licht bricht strahlend weiß hindurch. Ich schaue den Mond lange an, er ist so rund, so hell, so schön. Erlösung, denke ich und erinnere mich an den alten Frederick. Dann läute ich die Glocken.

Beitragsfoto: Sam McJunkin

Florian Bonath
Florian Bonath
redakteur1@wirklichwahr.org

Mein Name ist Florian Torben Bonath, ich bin am 12.08.2000 geboren und wohne im schönen Osthofen. Seit meiner Kindheit schreibe ich Kurzgeschichten, Gedichte und Theaterstücke, von welchen ich einige auch veröffentlichen konnte. Neben der Schule bin ich in unserer Kirchengemeinde in der Jugendarbeit tätig. Außerdem bin ich Teil der Jugendguides der KZ-Gedenkstätte Osthofen. Seit fast 13 jahren bin ich bein den Pfadfindern, auch dort engagiere ich mich in der Jugendarbeit und organisiere Gruppenstunden, Zeltlager und Auslandskontakte. In der Schule leite ich unsere Englische Theater Ag und inszenierte dabei als Regisseur mehrere Stücke. Erstmals habe ich im Jahr 2017 für die "Osthopfener Zeitung" geschrieben und dabei eine ganze Menge über das journalistische Arbeiten gelernt. Im selben jahr konnte ich auch Teil der „wirklich\\wahr“ Redaktion sein und mein Wissen vertiefen.

Keine Kommentare

Kommentieren