Lebenswandel

Ursula Bhattacharjee ist an Demenz erkrankt, ihr Alltag ist für sie in Nebel gehüllt, die ihren Geist verschleiern. Früher noch streng, ist sie jetzt sanft, fast zärtlich.
Die Geschichte einer Wandlung. 

Ursula Bhattacharjee, geborene Behrens, 81 Jahre alt, sitzt mit hochgelegten Füßen im grauen Ohrensessel ihrer Tochter, trinkt Kaffee und isst Lebkuchen. Sie sieht schick aus in ihrem weißen Poloshirt über dem sie eine braue Kostümjacke trägt, dazu schlingt sich eine Perlenkette um ihren Hals. Ihre Schultern hängen nach vorne, aber ihr Kopf ist in die Höhe gereckt. Die Körperhaltung: selbstbewusst, aber erschöpft. Ihre Augen sind unnatürlich blau, wie ein launischer Winterhimmel – mal durchdringend und klar, einschüchternd, dann wieder ausgelaugt und trüb als wäre dahinter nichts als Leere und Abwesenheit. Ursula leidet an Demenz. Diese Krankheit frisst ihre Erinnerungen. Viele Abenteuer sind in den vergangenen Jahren bereits verloren gegangen und noch immer schrumpft ihre Vergangenheit mit jedem Tag, langsam verliert sie inzwischen auch das Hier und Jetzt – und sich selbst. 

Geboren und aufgewachsen ist sie, damals, als sie noch Ursula Behrens war, in Hamburg-Wilhelmsburg als zweites von vier Kindern. Ihre Eltern waren wohlhabende Speditionsunternehmer. Nur unterscheidet der Krieg nicht zwischen Arm und Reich: als sie einmal mit einem ihrer Geschwister auf einem Feld nahe Hamburg unterwegs war dröhnte über ihnen ein britischer Bombenflieger. Er nahm sie ins Visier. Schoss. Nur mit viel Glück konnten die Kinder sich retten und fanden Zuflucht unter dem Blätterdach eines nahen Walds. 

Heute zuckt Ursula zusammen, wenn eine Klimaanlage röhrt oder ein Ventilator rattert, dann ist sie für einen Moment wieder das eingeschüchtertes Kind. Als erwachsene Frau befahl sie dann: auch bei 30 Grad im Schatten hieß es sofort „Schalte das ab“, sobald jemand den Raum kühlen wollte.Diese Tage sind vorbei. Heute achtet ihre Tochter darauf, dass der Ventilator ausgeschaltet ist. Maya weiß: der Krieg erwacht durch das Geräusch von Ventilatoren und Klimaanlagen, dringt ein in den Kopf ihrer Mutter. Willensstark, so beschreibt Tochter Maya die Frau Bhattacharjee von früher – die Person, die ihre Mutter einst gewesen sein soll. Bei Ursula zeigt sich diese Beharrlichkeit nicht. Nicht einmal auf einfache Fragen wie: „Was möchtest du heute essen?“ , weiß Ursula eine Antwort.

Die Frau Bhattacharjee von damals war anders: Nach ihrem Schulabschluss brach sie auf die Welt zu erkunden und landete nach einem Jahr schließlich in Sheffield, England, wo sie 1956 ihren Ehemann kennenlernte, der ihr den für eine Hamburgerin exotischen Nachnamen verlieh. Ein Student aus Indien. Mit nur 40 Pfund in der Manteltasche war er nach Großbritannien gekommen. Das imponierte der jungen Frau.

Ursula erinnert sich noch heute an Liebesbriefe aus dieser Zeit. Nur finden kann sie diese nicht mehr ohne Hilfe ihrer Tochter. Wird sie nach ihrem Mann gefragt, weicht sie aus, will immer wieder aufstehen, um nach den Briefen zu suchen. Aber selbst aus dem Sessel zu kommen fällt ihr mittlerweile schwer. Es ist, als hätte die Demenz sogar ihren Körper vergessen lassen, wie er seine Kraft einsetzt. Ursula fällt mit einem Seufzer zurück in die Kissen.

1961 war das noch anders, da brach sie auf um ein neues Land zu entdecken, schwang sich in den Flieger und begleitete ihren Mann zurück nach Indien. Die deutsche Kultur nahm sie mit. Das frisch verheiratete Paar fuhr den ersten Mercedes Bombays. Die Stadt, die heute Mumbai heißt, sollte für 55 Jahre Frau Bhattacharjees Heimat werden. Das warme Wetter dort gefiel ihr wegen der Temperaturen und auch, weil das Wetter genau vorhersehbar ist. 

Heute beschwert sie sich während der Suche nach neuer Kleidung beim Stadtbummel: „Das ist doch alles viel zu dick für Indien!“, ruft sie empört. Dabei ist es Winter in Deutschland.

Damals in Indien beschwerte sich Frau Bhattacharjee auch oft – selbst das von Männern damals noch deutlicher dominierte Land schaffte es nie eine klassische Hausfrau in Ehe aus ihr zu machen. Ihr Ehemann hingegen liebte das Kochen und als Bengale aß er am liebsten zu jeder Mahlzeit Fisch. Frau Bhattacharjee aber mochte weder Fleisch noch Fisch – beides wurde vom Speiseplan gestrichen. 

Ursula, heute strahlend und lachend, beim Besuch ihrer Tochter. Die Beziehung ist so harmonisch wie nie. Foto: privat

Heute im Altersheim bleibt der Protest aus, wenn ihr Fleisch angeboten wird. Auch den Überblick über die Zeit hat Ursula vollkommen verloren. Sie klammert sie sich an der Hand ihrer Tochter fest und fragt: „Was ist heute für ein Tag?“, „Montag, Mami“, antwortet Maya geduldig. Zwei Minuten später fragt Ursula erneut: „Was ist heute für ein Tag?“
Früher war ihr ein eigener Job wichtig, er bedeutete eine feste Struktur für den Tag und vor allem: Unabhängigkeit. Zwei Jahre arbeitete Frau Bhattacharjees im indischen Konsulat, da bekam sie ihre erste Tochter. Maya. Für die Mutter stand noch vor der Geburt fest, wie das Leben ihrer Tochter zu verlaufen hatte, sie hatte alles bereits durchdacht: Kein Reiten, dafür Ballett. Frau Bhattacharjee wusste immer was sie für ihr eigenes Leben wollte und auch was andere zu wollen hatten.
Heute sagt Maya, ihre damals kühle und bestimmende Mutter sei nicht für Kinder geschaffen gewesen. Trotzdem bekam sie welche. Familiengründung war Teil des Plans.

„Maya, was machst du eigentlich?“ ruft Ursula Richtung Küche, „Ich spüle Geschirr“, „Aber da ist doch noch mehr?“, hakt sie nach, „Ich bin Innenarchitektin.“, Ursula blinzelt desorientiert. Die Frage hinter dem Mimenspiel: „Wollte ich das wirklich für meine Tochter?“

1968 kam Mayas Bruder Ranjit zur Welt. Er hatte Leukämie. Der Fokus ihrer Mutter lag seitdem auf der Heilung der Krankheit. Die Tochter trat in den Hintergrund und wurde die nächsten zwei Jahre vom Kindermädchen erzogen. Ihre Mutter war damit beschäftigt, Hoffnung zu tragen in alle möglichen „Wunderkuren“ , die den Krebs ihres zweiten Kindes heilen sollten. In ihrem Plan kam Ranjits Tod nicht vor. Eines Tages flog sie nach New York, dort sollte Ranjit durch eine „magische“ Behandlung gerettet werden. Ranjit starb wenig später. Der Plan war gestört. Frau Bhattacharjee verlor die Kontrolle. Sie legte das tote Baby ihrer vierjährigen Tochter in den Arm – für letzte Familienfotos.

Erst Jahre später gewann Frau Bhattacharjee ihre Fassung vollkommen zurück. Die Kinder brachte sie im Internat unter, sie hingegen war frei noch einmal den Globus zu erkunden.

Wenn man sie heute danach fragt, scheint ein Nebel diese Zeit zu verschleiern. Ursula kann sich nur bruchstückartig erinnern an die Besuche in China, Uman oder Bhutan. Sie nimmt einen Schluck Kaffee und dann noch einen, um Zeit zu schinden und nicht über die Reisen sprechen zu müssen. Dann schweigt sie. Schließlich fragt sie mit schief gelegtem Kopf „Da war ich?“ und lächelt.

Frau Bhattacharjee entspannte sich mit zwei Freundinnen am Strand von Mandua. Zusammen genießen die Drei die Abendsonne. Foto: privat

Nach unzähligen Flügen, Zugfahrten und dem Erleben fremder Kulturen, ließ sich Frau Bhattacharjee 1989 scheiden. Dies war damals ungewöhnlich in Indien. Noch ungewöhnlicher war, was sie zudem aushandeln konnte: sie durfte die Wohnung behalten und wären die Kinder nicht alt genug gewesen, um selbst zu entscheiden, sie hätte wohl auch das Sorgerecht an sich gerissen. Für ihren Ehemann? Beschämend. Eine Schande.

Als ihre Tochter Maya alt genug war, entschied die sich dazu Innenarchitektin zu werden, obwohl ihre Mutter etwas anderes vorgesehen hatte. Frau Bhattacharjee unterstützte keine Lebenseinscheidungen ihrer Tochter. 

Bei Ursula ist das anders. Das ist die gute Seite der Demenz: Die Beziehung zwischen den beiden, Mutter und Tochter, ist liebevoll geworden. Ursula stützt sich heute auf dem Weg zum Sessel vertrauensvoll auf den Arm ihrer Tochter. Diese lenkt ihre Mutter geduldig und fürsorglich zum Sessel. Was hat sich verändert? Ursula hat ihre starren Vorstellungen in dem Nebelschleier ihrer Erinnerungen verloren.

2007 ist das Jahr während dem Maya das erste Mal ein ungewohntes Verhalten bei ihrer Mutter beobachtet. Ihre Mutter wird freundlicher. Es gibt weniger Streit. Vier Jahre später sind während eines Besuchs in Trier Mayas Katzen plötzlich süß, dabei wollte die die Mutter diese bis vor ein paar Jahren noch als „unnütze Dinger abschaffen“. Maya vermutet, dass ihre Mutter schon seit 2012 die Fähigkeit zu Schreiben verloren hat.

Früher aß Frau Bhattarcharjee jeden morgen eine Papaya. Damit ihre Finger nicht klebrig wurden, hat sie dazu eine silberne Gabel benutzt. Dann kam der Tag: plötzlich lehnte sie aber die Gabel ab und pickte mit Daumen, Zeige- und Mittelfinger wie ein Vögelchen mit seinem Schnabel in der schleimigen Frucht herum.

2015 kam dann die Diagnose: Demenz vom Alzheimertyp. Jetzt kam alles sehr schnell.

Maya wusste, dass sie eingreifen musste. Ihre Mutter aß und trank nicht. Ihre Medikamente vergaß sie auch regelmäßig. Die Geschwister beschlossen gemeinsam, dass Ursula nach Deutschland kommen sollte. Ob Hamburg oder Trier war Ranjit egal. Hauptsache, es ginge so schnell wie möglich. Obwohl das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter nie besonders gut war, setzte Maya sich dafür ein, dass ihre Mutter nach Trier kam. Schnell war ein Zimmer im Seniorenheim gefunden, Ursulas Zeit in Indien beendet – am 10. Oktober 2016 zog sie zurück in ihr Heimatland. 

Seitdem hat sich ihr Zustand weiter verschlimmert. Wenn sie niest oder erbricht, erschreckt Ursula sich vor ihrem eigenen Körper, weil sie die Verbindung zwischen dem Ton, dem Gefühl und sich selber nicht länger ziehen kann. Früher hat sie mit scharfem Befehlston von ihren Kindern immer verlangt, dass sie sich auf langen Autofahrten zusammenreißen. Ihnen sollte nicht übel sein und nun hat sie ihren eigene Körper nicht mehr ansatzweise selbst unter Kontrolle.

Auch bei der Papaya ist es nicht geblieben. Immer öfter kommt es vor, dass Ursula sogar Cremetorte mit den Händen zermatscht und isst. Telefonieren? Eine Hürde! Das Wählen der Tasten gelingt ihr nicht. Die Realität hat sich aus Ursulas Vorstellung geschält.

Trotz dieser vielen Einschränkungen und angsterfüllten Momente, wirkt sie aber meist zufrieden, macht Witze, lacht wenn sie jemand an ihre Abenteuer erinnert.

Regelmäßig besucht sie das Demenz-Zentrum, eine Einrichtung in der Demenzerkrankte gemeinsam den Tag verbringen, kochen, basteln oder sich unterhalten. Dort singt sie auch im Chor. Ursula erzählt, dass es ihr Musik viel Freude bereitet. Die unterschiedlichen Welten, die in sich in der Frau vereinen, kann man schon in einem kurzen Gespräch mit ihr beobachten: Erst ist sie verunsichert, weiß nichts mit sich anzufangen – dann plötzlich kommt ihr eine Erinnerung an einen der vielen Orte, die sie gesehen hat und ein Lächeln huscht über ihr Gesicht. Nein, es verweilt sogar einige Zeit dort. Ihre Erinnerungen und Fähigkeiten sind vielleicht auf Immer im Nebel verloren, ihr Lächeln ist geblieben. 

Pauline Tonner
Pauline Tonner
redakteur2@wirklichwahr.org

Geboren und aufgewachsen bin ich am in Trier. Als Kind habe ich gerne Geschichten geschrieben und im Chor gesungen. In der gesamten Zeit auf dem Gymnasium war ich dann ein aktives Mitglied der Schülerzeitung und später für einige Jahre auch Chefredakteurin. Nach meinem Abitur habe ich im August 2019 einen Freiwilligendienst in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung in Schottland angetreten. Über meine Erfahrungen hier schreibe ich auch einen Rundbrief für Freunde und Bekannte. Meine Arbeit hier macht mir sehr viel Spaß und ich werde voraussichtlich bis Ende des Jahres oder sogar länger bleiben. | Pauline Tonner war Teil der wirklich\\wahr-Redaktionen "\\extrem" im Herbst 2018.

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