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Zeit zu akzeptieren – Die Seele der Zeit

Wir alle altern und unsere jugendliche Schönheit vergeht. Doch was passiert, wenn wir versuchen, dagegen anzukämpfen? Gedanken zu Oscar Wildes Roman ,,Das Bildnis des Dorian Gray“

Ein jeder Mensch durchläuft in seinem Leben eine Phase, die Veränderungen mit sich bringt. Aber was genau ist diese Zeit und was macht sie mit uns? Dies ist das zentrale Thema von Oscar Wildes Roman ,,Das Bildnis des Dorian Gray“, der 1891 erschienen ist. Die von Vergänglichkeit geprägte Geschichte spielt im London des 19. Jahrhunderts. Sie handelt von dem jungen und gutaussehenden Protagonisten Dorian Gray, der seine Seele gegen seine Schönheit austauscht und am Ende daran zerbricht.

Die im Roman aufgegriffene Schönheit ist ein Thema, das jedem von uns Gedanken macht; sie verfolgt uns in dieser Gesellschaft fortwährend. Von einem Bekannten erfährt Dorian, dass Schönheit das Geheimnis des Lebens sei. Durch ein Porträt spürt er schließlich, wie wichtig ihm sein Aussehen ist und er äußert den Wunsch, für immer jung aussehen zu wollen. Während Dorian körperlich nicht altert, verändert er sich jedoch innerlich zu einem oberflächlichen und kaltherzigen Menschen. Dies zeigt sich auch in dem Porträt, das ab diesem Zeitpunkt seine Seele widerspiegelt. Es ist das Motiv des ganzen Textes.

Nachdem Dorian einige Zeit mit seiner neuen Einstellung gelebt hat, betrachtet er sein Porträt und erkennt eine negative Veränderung. Dorian ist schockiert über das, was mit seinem zuvor perfekten Ebenbild passiert ist. Er kann nicht glauben, dass es sich derart geändert hat. Oscar Wilde schafft es, dem Leser deutlich zu machen, wie wir Menschen im Alltag offensichtlich häufig nicht merken, wie uns bestimmte Erlebnisse prägen – egal ob positiv oder negativ.

Es wird also nicht nur der Einzelfall des Dorian Gray angesprochen, sondern die Beobachtung ist so interessant, da sie sich auf die Allgemeinheit beziehen lässt. Dorian beschließt, das Bild vor der Öffentlichkeit zu verstecken. Nun entsteht eine Ironie, die Oscar Wilde im Roman darstellt: Dorian versteht nicht, dass die Seele ein Teil von ihm ist. Auch wenn er für immer jung aussehen wird und die Schönheit verkörpert, ist er innerlich derselbe Mensch mit denselben Charakterzügen, die seine Taten widerspiegeln. Oscar Wilde ist ein Meisterwerk gelungen. Er nimmt nicht nur hin, was er beobachtet, schreibt es nicht nur auf, sondern versteckt zwischen den Zeilen ein nicht zu offensichtliches Urteil über die Gesellschaft. Eine Kritik an ihr?

Gehen wir davon aus, es würde jedem Menschen so ergehen wie Dorian Gray. Statt ihm selbst, würde ein Gemälde altern und es würde seine Seele widerspiegeln. Was würde nun passieren? Wären wir nicht alle nur mit einer Maske verhüllt, um das zu verstecken, was wirklich in uns steckt? Unser Gegenüber würde womöglich nicht erkennen, welche Seiten unseres Charakters wir eigentlich verbergen.

Dorian Gray bleibt mit seiner individuellen Verhüllung unerkannt, er hat zwei verschiedene Wirkungen auf die Gesellschaft. Neben den kritisch Denkenden, so wie der Autor selbst, stehen die Menschen, die sich von der Ausstrahlung eines Charakters blenden lassen. Dorian beschließt nun, seine Vergangenheit hinter sich zu lassen und einen Neustart zu wagen. Allerdings ohne das Bild. Im Roman heißt es: ,,Ja, es war sein Gewissen gewesen. Er würde es vernichten. (…) Er würde die Vergangenheit töten, und wenn die Vergangenheit tot war, würde er frei sein.“

Offensichtlich denkt Dorian, sein Leben würde jetzt von Neuem beginnen. Er beachtet jedoch nicht, dass er selbst sein eigenes Leben führt und dass er zu diesem Zeitpunkt genau das ist, was er in der Vergangenheit alles erlebt hat. Dies zeigt sich sowohl auf dem Porträt als auch in seinem Denken.

Eine interessante Denkweise, denn hatte nicht jeder schon einmal die Idee, die Vergangenheit zu vergessen und von Neuem anzufangen? Dass dies der falsche Ansatz ist und der Versuch scheitert, zeigt Oscar Wilde auf den letzten Seiten seines Romans. Dorian sticht auf das Porträt ein und beginnt in diesem Moment zu sterben. Das Interessante: Das Bild zeigt denselben Dorian Gray wie zu Beginn. Auf dem Boden liegt allerdings ein Mann, der die Gestalt seiner Seele angenommen hat. Keiner erkennt ihn wieder. Das Ende des Romans überzeugt besonders. Durch den Tod Dorians erfährt der Leser eine Lehre; der ungewollte Selbstmord verdeutlicht, wie besessen Dorian von seiner Schönheit war und dass er vergeblich versucht hat, seine Vergangenheit auszulöschen.

Oscar Wildes Roman zeigt, dass der Mensch veränderbar ist. Das Wichtigste aber ist, mit dieser Erkenntnis zu leben. Bei seinem Blick in die Zukunft sollte der Mensch nicht die Vergangenheit vergessen, sondern sie akzeptieren. Vielleicht nimmt er seine eigene Veränderung wahr, vielleicht nicht. Die Frage ist jedoch, was er daraus macht, wenn er sie bemerkt und nicht zufrieden mit ihr ist. Ist er bereit, sich zu ändern? Ist er bereit, seine Vergangenheit und die Zeit anzunehmen? Gegen die Zeit zu spielen, ist wie über eine Mauer steigen zu wollen, die so hoch ist, dass man sie unmöglich überqueren kann. Dies wird einen früher oder später zum Aufgeben zwingen.

Aber was genau ist nun die Zeit und welche Wirkung hat sie auf uns? Offensichtlich gibt sie uns die Möglichkeit, Ereignisse zu vergessen, zu schätzen, zu verinnerlichen oder einfach intensiv wahrzunehmen. Je mehr Zeit der Mensch hat, desto mehr Lebenserfahrung kann er sammeln. Für einige ist Zeit bloß eine Angabe, für andere ist sie wie ein Bild, das sie selbst gestalten. Das Gemalte lässt sich nicht mehr löschen, nur überdecken, ausbessern oder umgestalten. Ganz wie im realen Leben.

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Anna-Maria Lorentz
Anna-Maria Lorentz
redakteur10@wirklichwahr.org

Welche drei Worte mir direkt einfallen, um mich zu beschreiben? Abenteuerlustig, neugierig, ideenreich. Und das nicht, weil die Anfangsbuchstaben dieser Wörter in meinem Namen enthalten sind. Ich wurde am 20.05.1999 in Idar-Oberstein geboren. Wohl die größte Ehre für Bruce Willis, der einige Jahre zuvor im selben Ort zur Welt kam, und somit eine Gemeinsamkeit mit mir hat. Der Unterschied zwischen uns liegt wohl nur darin, dass er als Hollywood-Schauspieler berühmt wurde, ich jedoch meiner Heimat treu geblieben bin. Nach dem Besuch der Simera-Grundschule in Simmertal, verbrachte ich mein zehntes bis achtzehntes Lebensjahr auf dem Gymnasium in Kirn, wo ich schließlich im März 2018 mein Abitur absolvierte. Diese Jahre sind einerseits durch meine musikalischen Interessen geprägt worden, indem ich Klavier-und Geigenunterricht genommen habe, aber auch durch meinen sportlichen Ehrgeiz, den ich in Leichtathletik und Fußball ausgelebt habe. Seitdem fordere ich mich privat in Form von Kraft- und Ausdauertraining heraus. Im Oktober 2018 habe ich dann mein Studium in Trier begonnen. Nachdem ich 2013 ein Praktikum im medizinischen Bereich in einer Tierarztpraxis absolvierte, 2016 in den kaufmännischen Bereich einer Firma hineinschaute, und 2017 bei dem Workshop der Jugendpresse rlp mitmachte, habe ich mich letztendlich für eine Kombination eines geisteswissenschaftlichen Faches, Soziologie, und eines faktischen Faches, Betriebswirtschaftslehre, entschieden. Inwiefern ich mich damit identifiziere? Für mich gibt es immer zwei Seiten einer Medaille. Das Offensichtliche, das den Sachverhalt deutlich werden lässt, aber auch das nicht Sichtbare, das das Geschehen meiner Meinung nach erst spannend macht. Sei es im realen Leben, in Filmen, oder in der Werbung. Diese Denkweise spiegelt meinen Charakter wider, den ich genauso auch in meinem späteren Beruf ausleben möchte. Das bedeutet, dass ich mein Studium in alle Richtungen öffnen will. So habe ich Anfang des Jahres 2020 Einblick in eine Polizeischule erhalten und möchte Ende des Jahres in der SWR-Fernsehredaktion Erfahrungen sammeln. Vor mir liegt also noch ein spannender Weg, und wer weiß, vielleicht kann Bruce Willis am Ende sogar noch etwas von mir lernen.

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