Helma Leißler und Lenni Schade berichten über vergangene Zeiten.

Zeugen der Zeit

Alte Menschen spüren, dass „sich Zeit für etwas nehmen“ aus der Mode gekommen ist. Dabei haben gerade sie viel zu erzählen, wenn man ihnen zuhört. Unser Autor ist 17 Jahre alt und suchte nach Zeugen vergangener Tage. Er fand sie in einem Altenheim nahe Worms – zu Besuch im Haus Jacobus.
Helma Leißler und Lenni Schade (auf dem Titelbild zu sehen) berichten über vergangene Zeiten.

Werte im Lauf der Zeit

Lenni Schade stützt ihre Ellenbogen auf einen der Stehtische. 90 Lebensjahre graben sich in Falten und Runzeln in ihr Gesicht. Sie ist gemeinsam mit einer anderen  Bewohnerin des Altenheims, der 84 Jahre alten Helma Leißler, in ein Gespräch vertieft. Diesteht gebückt da, ihre Schultern hängen kraftlos herab, niedergedrückt wie von einer unsichtbaren Last. Wenn Schade über  ihre Kindheit spricht, legt sie ihre Stirn in Falten, erinnert sich: „Meine Mutter hat oft Puppen für uns genäht. Und die gab es dann zu Weihnachten.“ Plötzlich stampft die kleine Frau  auf den Boden, sie ärgert sich über das Verhalten der Jugend: „Früher war man viel dankbarer, ich habe mich über die Puppen gefreut, heute muss es gleich ein Smartphone sein!“ Ich werde rot. Vor 5 Jahren habe ich mir auch noch eine Carrerabahn gewünscht, ich habe sowieso immer auf extravagante Geschenke bestanden – und mich geärgert, wenn ich das Geschenkpapier stattdessen nur von einem Buch riss.

Schade streicht ihre grauen Haare nach hinten. Die Haut um ihre Augen ist eingefallen und lässt sie müde wirken. „Ich erinnere mich, als ich noch jung war, kamen die Amerikaner, die Besetzer. Wenn die durch den Ort gefahren sind dann kamen immer die Buben und haben nach chewing gum gefragt. So was einfaches wie Kaugummi war damals Gold wert. Wenn wir Glück hatten, bekamen wir sogar ein Stückchen Schokolade.“ Mir wird bewusst in welcher bequemen Situation ich die letzten 17 Jahre gelebt habe. Alles was ich brauchte und wollte stand im Überfluss, zur Verfügung. Ein sprichwörtliches „Meckern auf hohem Niveau“, sollte mal etwas fehlen. „Früher war eben nicht alles besser“, sagt Helma Leißler, als hätte sie meine Gedanken durchschaut.

Schade schüttelt die Kälte aus ihren Gliedmaßen. Sie atmet tief ein und aus, dann redet sie über ihre Eindrücke von ihrem Leben im Altenheim: „Hier geht es uns zwar gut, die Angestellten sind nett, aber wir sind unseren Kindern wohl ein Klotz am Bein.“ Sie kneift ihre Augen zusammen: „Wenn wir besucht werden, dann höchstens einmal im Monat.“ Helma Leißler stimmt ihr mit einem langsamen Kopfnicken zu „Früher war alles viel ruhiger, man hat sich Zeit genommen, auch für die Älteren. Da gab es so was ja gar nicht wie ein Altenheim. Man hat zu Hause gelebt, bei den Kindern, bis man gestorben ist.“ Aber stimmt es, dass alles viel Schnelllebiger wird, dass wir diese Ruhe nicht mehr haben, die früher den Alltag geprägt haben soll? Ich denke, die Beiden haben es auf den Punkt gebracht: Der Lebensplan der Jugendlichen heute ist eng durchgetaktet, zur Schule kommen Freizeitaktivitäten wie Sport, Vereinsleben oder Kunst. Fast überall lauert Leistungsdruck, von Eltern, Freunden – durch den eigenen Willen zum Erfolg. „Heute ist alles hektisch, früher hatten wir mehr Zeit, wo ist die nur hin?“ Sagt Leißler. Die Frage stelle ich mir auch jeden Tag, trotz der 70 Jahre die mir an Lebenserfahrung fehlen.

„Die größte Katastrophe“

Hinter einem Drahtgestell blicken kleine Augen aus einem alten Gesicht. Blitzendes Blau, umrahmt von Lachfältchen. August König ist 85 Jahre alt, sein Blick gleitet in die Ferne. Laut wird er erst, wenn er über den kleinen Ort Hamm am Rhein zur Zeit des 2. Weltkrieges spricht. Von 85 gefallenen Soldaten erzählt, für so wenige Einwohner eine echte Katastrophe. „Auf dem Felde der Ehre gefallen, hat man denen dann gesagt. Und alle von Hitlers Soldaten haben gewusst: Wer auch im Feindes lande stirbt, der ruht auch in fremder Erde im Heimatland, und ist in Deutschland begraben“, er zitiert den Spruch sicher wie ein Gebet. Ein schwacher Trost, wenn Sie mich fragen“, sagt er und zieht Winterluft in seine Lungen, stößt sie in einer weißen Atemwolke wieder aus. Er braucht eine Pause bevor er weiterspricht. 

August König erinnert sich an die Kriegszeit zurück.
August König erinnert sich an die Kriegszeit zurück. - Foto: Florian Bonath

„Ich kannte einen, der war Briefträger. Der musste die Todesnachricht dann zu den Frauen und zu den Familien bringen. Dabei hat der doch jeden gekannt, der da Umgefallen war, da draußen. Und die Frauen mit dem Mann im Krieg, die haben hinter den Fensterscheiben gesessen, auch um die Weihnachtszeit herum – und darauf gewartet, dass er ja vorbei geht, der Briefträger mit seiner Last. Denn es waren keine Weihnachtsbriefe die er gebracht hat.“ August König schnieft in ein Taschentuch, seine Oberlippe zittert – vor Kälte? Vor unangenehmen Erinnerungen? „Das war ein einziges Drama, da hat niemand eine Fahne der Ehre geschickt. Dieser Briefträger brachte die Trauer in die Häuser, zu den neuen Witwen. Ich spreche von der größten Katastrophe die je über die Menschheit gekommen ist!“ Tränen stehen in seinen Augen. „1918 – vom Ende des Weltkrieges bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges 1939 – 21 Jahre hat der Frieden nur gehalten. Jetzt schauen sie unsere Zeit an. Über 70 Jahre leben wir in Harmonie zusammen. Gerade in der Weihnachtszeit sollte sich ein Herr Trump oder der kleine Mann aus Nordkorea darauf besinnen, dass es auch so bleibt!“

Der Satz einer Frau wird Forian Bonath noch lange Zeit beschäftigen: 

„Wissen Sie, man schiebt uns Alte aufs Abstellgleis. Man belächelt uns. Aber wir sind nicht blind, wir sind nicht taub, wir sind alt und wir haben eine Meinung – und immer etwas zu erzählen“ 

Florian Bonath
Florian Bonath
redakteur1@wirklichwahr.org

Mein Name ist Florian Torben Bonath, ich bin am 12.08.2000 geboren und wohne im schönen Osthofen. Seit meiner Kindheit schreibe ich Kurzgeschichten, Gedichte und Theaterstücke, von welchen ich einige auch veröffentlichen konnte. Neben der Schule bin ich in unserer Kirchengemeinde in der Jugendarbeit tätig. Außerdem bin ich Teil der Jugendguides der KZ-Gedenkstätte Osthofen. Seit fast 13 jahren bin ich bein den Pfadfindern, auch dort engagiere ich mich in der Jugendarbeit und organisiere Gruppenstunden, Zeltlager und Auslandskontakte. In der Schule leite ich unsere Englische Theater Ag und inszenierte dabei als Regisseur mehrere Stücke. Erstmals habe ich im Jahr 2017 für die "Osthopfener Zeitung" geschrieben und dabei eine ganze Menge über das journalistische Arbeiten gelernt. Im selben jahr konnte ich auch Teil der „wirklich\\wahr“ Redaktion sein und mein Wissen vertiefen.

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