Zu jeder Tageszeit – Mit dem Telefon aufs Klo und unter die Dusche

Rufbereitschaft 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche – über den Alltag eines Bestatters wissen die wenigsten Bescheid. Vielen ist der Beruf fremd, sie gruseln sich womöglich vor dem Umgang mit dem Tod. Ein Gespräch über eine unterschätzte Berufung

Alle Menschen sind verschieden, aber eine Sache haben wir doch alle gemeinsam: Irgendwann wurde jeder von uns geboren und irgendwann wird jeder von uns sterben. Wenn der „Sensenmann“ uns erwischt hat, müssen wir, zumindest in Deutschland, aufgrund der Bestattungspflicht unter die Erde. Die meisten Angehörigen der Verstorbenen wenden sich in diesem Fall an einen Bestatter, aber viele Menschen wissen nur wenig über den Beruf. Genauso ging es auch mir und deshalb habe ich den Bestattungsbetrieb Grandjean in Trier besucht. Inzwischen wird dieser in der dritten Generation vom Ehepaar Grandjean geführt, das von sieben Mitarbeitern unterstützt wird. Begrüßt werde ich von Sarah Pötsch, einer ausgebildeten Bestatterin, die mich durch die Räumlichkeiten des Betriebs führt. Der Ausstellungsraum für Särge und Urnen ist von Licht durchflutet und auch der Trauersaal wirkt nicht so beklemmend, wie man es erwartet. Ungewohnt wird es erst in dem kaltweiß gestrichenen und heruntergekühlten Raum, in dem die Leichen aufbereitet werden. Sarah Pötsch erzählt mir, dass ihr bei ihrem ersten Erlebnis mit einem Verstorbenen etwas schwindelig geworden sei, aber die Eingriffe wurden schnell zur Routine. Ihre Chefin Ulrike Grandjean hat schon einige Jahre Berufserfahrung mehr als Sarah Pötsch, sie macht ihren Job immer noch gerne.

Bestatter ist nicht der Beruf, von dem ich als Kind geträumt habe. Warum sind Sie Bestatter geworden?

Sarah Pötsch: Ich habe damals ein Praktikum gemacht, weil ich nicht genau wusste, was ich nach dem Abitur machen soll.

Ulrike Grandjean: Aus Liebe (lacht). Mein Mann ist Bestatter und ich habe darüber in den Beruf gefunden. Ich bin gelernte Bauzeichnerin und habe sowieso überlegt, was ich noch machen kann. Durch meinen Mann hatte ich einen Einblick in den Beruf, habe meinen Job aufgegeben und angefangen, hier zu arbeiten.

Warum ist ihr Mann damals Bestatter geworden?

Grandjean: Weil sein Vater und sein Opa Bestatter waren. Oft ist es so, dass die Kinder aus Bestatterfamilien auch Bestatter werden. Sie kennen dann von Anfang an die Vor- und Nachteile.

Was sind denn die Nachteile?

Grandjean: 24 Stunden, sieben Tage die Woche, 365 Tage im Jahr gibt es Rufbereitschaft. In den Urlaub zu fahren war daher immer eine schwierige Sache. Seit letztem Jahr haben wir eine Rufbereitschaft für die Mitarbeiter eingerichtet, damit wir tatsächlich auch mal frei haben. Das gab es in den 20 Jahren, in denen ich hier arbeite, nicht. Wir waren immer mit dem Telefon unterwegs. Mein Mann ist mit Telefon aufs Klo und duschen gegangen. Das bestimmte unser Leben.

Im Trauerraum des Bestattungsinstituts brennen Kerzen, die Trost spenden sollen. Foto: Pauline Tonner

Was war ihr erstes Erlebnis mit dem Tod?

Grandjean: Als ich hier angefangen habe, hatte ich schon meinen Opa verloren. Ich war aber nur bei der Bestattung dabei und habe das nicht richtig wahrgenommen – damals war ich 18 Jahre alt. Mit 23 habe ich meinen Mann kennengelernt. Er hat mich dann, als er auf dem Friedhof etwas erledigen musste, mitgenommen. Einmal, als wir abends verabredet waren, ging sein Piepser an – damals gab es noch keine Handys – und er musste weg. Als er wiederkam, war meine erste Frage, ob er jetzt nicht erst mal duschen will. Total schwachsinnig, wir sind ja nicht verseucht, wenn wir jemanden abholen. Wenn ich heute daran denke, denke ich immer: „Wie bescheuert warst du eigentlich?“

Bestatter ist ein Ausbildungsberuf. Was lernt man in der Ausbildung?

Grandjean: Ich habe keine klassische duale Ausbildung gemacht, sondern eine Art Fortbildung. Das waren verschiedene Kurse. Man muss wie jeder Handwerksmeister einen theoretischen Teil absolvieren und eine Ausbildereignungsprüfung. In der praktischen Prüfung gibt es ein Beratungsgespräch, man muss einen Sarg ausschlagen, eine Dekoration auf dem Friedhof und eine Graböffnung machen. Warenkunde ist auch sehr wichtig, also: Wie sieht ein Sterbehemd aus? Welche Holzarten gibt es für Särge? Und so weiter.

Pötsch: Auch Schriftverkehr ist ein wichtiger Teil der Prüfung. Wir machen Traueranzeigen, Gedenkbilder und schreiben viel. Den Großteil der Zeit sitzen wir am PC und machen Organisatorisches.

Welche Bestattungen berühren Sie am meisten?

Pötsch: Bei Kindern ist es besonders tragisch. Und ich glaube, bei jedem von uns ist es auch so, wenn ein Gleichaltriger stirbt.

Grandjean: Ja, auf jeden Fall. Aber auch bei jungen Menschen. Letztes Jahr hatten wir einen tragischen Autounfall von einem jungen Mann, Anfang 20. Da waren 200 Leute – Mitschüler, Arbeitskollegen, Freunde und Familie. Es war eine sehr persönliche Trauerfeier und dann kann man da auch stehen und mitheulen. Aber 90-Jährige sind Alltag für uns. Wobei das Wort „Alltag“ in unserem Beruf immer mit Vorsicht zu genießen ist.

Welche positiven Erlebnisse haben Sie?

Grandjean: Es ist schön, wenn wir Eltern wiedertreffen, die wir bei der Beerdigung ihres Kindes, das ein Sternenkind war, begleitet haben und die nochmal versucht haben, eine Familie zu gründen.

Was sind Sternenkinder?

Grandjean: Das sind Kinder, die tot geboren wurden, unter 500 Gramm schwer, und die deshalb nicht bestattungspflichtig sind. Das fängt an bei Gummibärchengröße. Vor 30 Jahren wurden diese Kinder noch mit Klinikmüll entsorgt. Heute werden sie gesammelt und gemeinschaftlich bestattet. Wenn die Eltern keine Gemeinschaftsbestattung möchten, sondern eine individuelle Bestattung, geht das auch. Dann gibt es ein Feld auf dem Hauptfriedhof, wo nur diese Kinder bestattet werden.

Pötsch: Um die Kindergräber herum ist ein buntes Grabfeld mit viel Spielzeug und Windrädern. Das kann auch mal chaotisch aussehen. Es ist wirklich ein bisschen wie ein Kinderzimmer – aber es ist total schön.

Ist der Friedhof denn noch der Ort, wo man trauert?

Grandjean: Viele Menschen wollen eine Anlaufstelle, aber kein Grab, das Pflege verlangt. Das hat mit der wenigen Zeit zu tun, die man hat; oder damit, dass Leute nicht mehr vor Ort sind. Deshalb setzten viele auf Gemeinschaftsgräber, zum Beispiel Baumbeisetzungen, wo die Urnen an die Wurzeln eines Baumes gesetzt wurde.

Sarah Pötsch und Ulrike Grandjean üben ihren Job mit freundlicher Ernsthaftigkeit aus. Gerne nehmen sie sich auch mehrere Stunden für ein Kundengespräch. Oft erkennen sie schon an der Körperhaltung der Besucher, ob diese viel Gesprächsbedarf haben. Foto: Pauline Tonner

Gibt es in dem Gewerbe Trends?

Grandjean: Bei Erdbestattungen und Feuerbestattungen gibt es einen starken Wandel. Früher war es 50 Prozent zu 50 Prozent aufgeteilt, heute liegen die Werte eher bei 80 Prozent Feuerbestattung und 20 Prozent Erdbestattung. Ansonsten gibt es aufgrund der sinkenden Kirchenzugehörigkeit viele weltlichen Ansprachen.

Pötsch: Gerade der Sprung der letzten Bestatter-Generationen auf die jetzige war eine starke Umstellung, weil viele traditionelle Betriebe auch Schreinerbetrieb waren. Das ist heute nicht mehr so.

Gibt es Vorurteile über Bestatter, mit denen Sie konfrontiert werden?

Pötsch: Allgemein hat der Bestatter den Ruf eines Halsabschneiders. Und wer als Bestatter mal Single war, wird auch mit Vorurteilen konfrontiert. Einige Leute können oder wollen damit nicht umgehen und es nicht ständig im eigenen Umfeld haben. Es gibt auch das Vorurteil, dass der Beruf furchtbar traurig ist.

Grandjean: Was ich nervig finde ist, wenn man zum Beispiel im Urlaub unterwegs ist und jemanden am Essenstisch kennenlernt, dann kommt immer die Frage, was man beruflich macht. Manchmal hat man dann keinen Bock, darüber zu sprechen.

Pötsch: Ich sage manchmal, dass ich Eventmanagerin bin.

Haben sie ihre eigene Bestattung geplant?

Pötsch: Ich habe gar nichts festgelegt und möchte das auch nicht. Eine Kollegin hat das schon getan. Da ist alles ganz genau im PC gespeichert, bis hin zum Lied und zum Spruch, der in der Traueranzeige steht.

Grandjean: Wir reden ab und zu mal mit der Familie darüber, aber letztlich bin ich der Meinung, dass die, die hinterbleiben auch ein bisschen was machen können. Und sie sollen es so machen, wie sie es für richtig halten und möchten.

Ist der Bestatter, als Begleiter nach dem Tod, das Pendant zur Hebamme?

Pötsch: Ich würde sagen, dass das nicht so ist, weil eine Hebamme sich für mich dadurch auszeichnet, dass sie vor allem nach der Geburt die Mutter und das Kind begleitet. Wir stehen den Familien nach der Beisetzung noch zur Verfügung, aber im Großen und Ganzen ist der Job mit der Beerdigung abgeschlossen. Ich glaube auch, dass es ganz gut für uns ist, dass wir die Familien im Ausleben der Trauer und beim Verarbeiten nicht mehr begleiten, da das sehr lange dauert und ein harter und individueller Weg ist. Wenn wir jeden Weg mitgehen würden, wäre die Belastung sehr hoch.

Was hat sich während ihrer Arbeitszeit am Umgang mit dem Tod in der Gesellschaft geändert?

Grandjean: Früher war der Tod präsenter, weil die Leute mehr zu Hause gestorben sind. Heute wird überwiegend in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen gestorben. Wir wollen das wieder ein bisschen wandeln, deshalb haben wir auch einen Verabschiedungsraum. Das heißt, wir bieten immer an, dass die Familie nochmal zur Verabschiedung kommen kann. Sofern das von dem Zustand des Verstorbenen möglich ist. Viele können sich, weil sie nie damit konfrontiert waren, nicht so leicht damit auseinandersetzen. Das hat sich in der Gesellschaft geändert. Es ist anonymer geworden. Aber wir versuchen, dagegenzusteuern.

Pötsch: Ich glaube, die Preisfrage ist in den letzten Jahren stärker in den Fokus gerückt. Früher haben die Menschen dort die Bestattung in Auftrag gegeben, wo sie waren oder wo sie sich wohlgefühlt haben. Heute machen sich viele die Mühe und schreiben erst mal mehrere Bestatter an, holen sich Angebote ein – obwohl es die Vorschrift gibt, dass man innerhalb von sieben Tage bestattet oder verbrannt sein muss.

Pauline Tonner
Pauline Tonner
redakteur2@wirklichwahr.org

Geboren und aufgewachsen bin ich am in Trier. Als Kind habe ich gerne Geschichten geschrieben und im Chor gesungen. In der gesamten Zeit auf dem Gymnasium war ich dann ein aktives Mitglied der Schülerzeitung und später für einige Jahre auch Chefredakteurin. Nach meinem Abitur habe ich im August 2019 einen Freiwilligendienst in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung in Schottland angetreten. Über meine Erfahrungen hier schreibe ich auch einen Rundbrief für Freunde und Bekannte. Meine Arbeit hier macht mir sehr viel Spaß und ich werde voraussichtlich bis Ende des Jahres oder sogar länger bleiben. | Pauline Tonner war Teil der wirklich\\wahr-Redaktionen "\\extrem" im Herbst 2018.

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